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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
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Mysteriums zu folgen vermöge. Beide Frauen tragen denselben Charakter,beiden leiht Sokrates dieselbe Erhabenheit, dieselbe Unmittelbarkeit der Er-kenntnis, denselben priesterlich-wahrsagenden Charakter. Ganz religiöserNatur ist ihre Erscheinung und all ihr Wissen, mysteriös der Gott, dessenhöchstes Wesen sie enthüllen, mysteriös der Flug ihrer Rede, mysteriös dieQuelle ihrer Begeisterung. Die Erhabenheit des Weibes ist eine Folge seinerStellung zu der Geheimlehre, wie wir diese früher schon entwickelt haben. DerFrau ist das Mysterium anvertraut, von ihr bewahrt, von ihr verwaltet, vonihr dem Manne mitgeteilt. In keinem Zuge tritt Sapphos Weihecharakterbestimmter hervor, als in dem Verhältnis, das sie gegenüber Sokrates einnimmt,und dieses ist nicht willkürliche spätere Auffassung, auch nicht eine durchdes Weibes nähere Verwandtschaft mit Schönheit und Liebe nahegelegteFiktion, sondern ein Anschluß an den historischen Charakter der Dichterin,eine Festhaltung des orphischen Wesens der lesbischen Lyrik und der orphi-schen Bedeutung des Mystagogen Eros selbst. Der lesbische Mythusvon der Ankunft des singenden Orpheushauptes, seiner begeisterten Aufnahmeund seinem Einfluß auf die Gestaltung der lesbischen Muse tritt mit demCharakter, den Sokrates in Sappho erkennt, in unmittelbare Verbindung, undso ist auch die sokratische Entwicklung der Liebe die schönste Erläuterungjenes Eros, der Sapphos Seele begeisterte und all ihr Schaffen hervorrief.Die unbegreiflichsten Seiten, welche der Dichterin Erscheinung darbietet,werden durch Sokrates' Spekulation Schritt für Schritt dem Verständnis ent-hüllt. Es ist, als hätte der größte der Philosophen die begeistertste der Frauenzum Urtypus des von ihm entworfenen Bildes der Liebe, ihrer Natur undihrer Wirkungen auserwählt. Alles, was Sokrates als die Kraft des die Seelebeschwingenden Eros darstellt, hat Sappho an sich selbst persönlich erlebt.In philosophischer Entwicklung liegt dort vor, was wir hier in lebensvollerWirklichkeit vor uns sehen. Nicht nur ist der Fortschritt von dem Sinnlichenzu dem Geistigen, von dem Leib zu der Seele, von den schönen Gestalten zuden schönen Sitten und Handlungsweisen, von dem Streben nach Zeugungin den Leibern zu der in den Seelen, mithin die orphische Grundidee von derstufenweisen Läuterung des Stoffes bei beiden dieselbe, nicht nur die Hinüber-leitung der Liebe von ihrer Richtung auf das andere zu der Erziehung deseigenen Geschlechts hier und dort der Ausgang aller höheren Gesittung: über-raschender noch sind die Parallelen, welche einzelne Züge und Schilderungendarbieten. Die glühende Werbung um die Liebe eines schönen Mädchens,welche den Inhalt der bei Dionysius vollständig erhaltenen sapphischenOde bildet, jener Schmerz, den Atthis' Abtrünnigkeit erregt, wie könnte erschöner geschildert werden, als durch die Vergleichung mit dem Nachjagenund Fliehen, in welchem Sokrates den Kampf und die Prüfung der Liebeerblickt. Wahnsinn des Herzens nennt die Dichterin die Leidenschaft, welchesie zu ihren Genossinnen hinzieht,-------und eben diesen Wahnsinn schil-dert Sokrates als die dämonische Kraft der Liebe, die, wenn mit sterblicherBesonnenheit verdünnt, nur Sterbliches sparsam auszuteilen vermag. KlagtSappho, sie treibe es hinaus vom Webstuhl, Liebe lasse ihr keine Ruhe,Sehnsucht jage sie hin zum schlanken Knaben, so bedient sich Sokrates der

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