irdischen, wie Orpheus' Lyra alles bezwingt. Bis in den Hades folgt SapphosLiebe den Mädchen ihres Volks, denen sie die Lieder sang, deren schönsteEntwicklung ihre ganze Seele fesselte. Daß so viele ihre Liebe durch keineGegenliebe lohnten, so viele, die den Dienst der orphischen Musen verschmäh-ten, nun verloren sein sollten, das ist es, was ihren Schmerz nicht zur Ruhekommen läßt. Denn das orphische Geschlecht allein ist Proserpina lieb, undan des apollinischen Propheten Grab ertönt der Nachtigall Gesang mit doppel-tem Zauber. Nichts vermag Hades über die, welche durch die Pflege des Erosund der Musen Orpheus nacheiferten; den unsterblichen Jungfrauen geeintwandeln sie tanzend einher. Das grobe Gewand des tellurischen Körpers wirdin der Region der Gestirne durch ein feineres ersetzt, das Athene webt. DieWechselbeziehung der Trauer und der höhern Mysterienhoffnung wiederholtsich in Erinna, die aus der Zahl der weniger berühmten Freundinnen Sapphosbesonders hervortritt. Wenn sie in dem Epigramm auf Baucis' frühen Toddes Hades Gier und der spinnenden Parze unerbittliches Todesgesetz weh-mütig beklagt, so besingt sie anderseits auch die Zikade. An die Zikade aberund die ihr so eng verknüpften Musen, Kalliope und Urania, knüpft sich diehöchste Mysterienhoffnung, der Sieg, zu welchem die brechende Saite hin-durchführt. Der orphische Charakter der sapphischen Muse begründet jenereligiöse Weihe, welche die Alten der Dichterin beilegen. Wenn sie alszehnte den neun Schwestern angereiht und dadurch mit derselben Mysterien-bedeutung umgeben wird, welche die Orphik jenen beilegt, wenn sie ingleichem Sinne vorzugsweise die Schöne, die Weise, bei Alcäus selbst dieHeilige, anderwärts die Hehre, die Göttliche heißt, so tadelt Plutarch dieHersagung platonischer Dialoge, sapphischer und anakreontischer Gesängebei Gelagen als eine Entweihung, bei welcher er jedesmal aus ehrfurchts-voller Scheu den Trinkbecher wegzusetzen sich versucht fühle. Anakreonaber ist nach Maximus Tyrius' Bemerkung von derselben sittlichen Anlagewie Sappho, die eben darum trotz der Zeitverschiedenheit von Hermesianaxzu jenem in Liebesbeziehung gesetzt wird. Auch er liebe alle Schönen, preiseihre körperlichen Reize, sehe aber stets nur auf Sophrosyne und rühme mitRecht von sich: mich mögen die Knaben lieben meiner weisen Sprüche wegen,Schönes singe ich, Schönes versteh' ich zu reden. Sprechender noch als allesdies ist die Art, wie Sokrates der lesbischen Dichterin gedenkt. Im Phädrusnennt er Sappho die Schöne an der Spitze derer, die sein volles Herz wieStröme ein Gefäß erfüllt und ihm den Stoff zu seiner begeisterten Lobredeauf Eros geliefert hätten. Als Offenbarung jenes wunderbaren Weibes stellter all' seine Kenntnis von dem höheren Wesen des orphischen Gottes dar,und mit dieser Auffassung stimmt der mystische Flug der Rede, in welcherer das erkundete Geheimnis mitteilt, nicht weniger die echt vestalische Würde,in der Sappho auf Bildwerken erscheint, vollkommen überein. Wie er aberhier in erster Linie der weisen Sappho gedenkt, so legt er im Gastmahl denhöchsten, geheimnisreichsten Teil seiner Liebeslehre der Mantineerin Diotimain den Mund. Zu ihr wandelt er, um das ihm selbst Verschlossene zu er-kunden. Vor ihrer höhern Weisheit beugt er sich wie vor einer begeistertenPythia, ohne Scheu es bekennend, daß er nur mit Mühe in die Tiefen des
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