ihm den Blick in die Unsterblichkeit, die dem höhern Eros angehört, zeigtihm unter dem Bilde des Goldes den bleibenden Wert jener Schönheit, dieweder der Wurm noch der Rost zu zerstören vermag, und entflammt soin des Weibes Seele die Sehnsucht nach der Ewigkeit des Nachruhms, denihr selbst die Musen, des Vaters goldenes Haus verlassend, durch das Geschenkihrer Werke gesichert haben. Vor diesem Gedanken erscheint ihr kleinlichalles, was sie sonst wert hielt, und echt mädchenhaft — — anpries: Ge-schmeide, Reichtum, jeder Schmuck des äußeren süßen Daseins. Wie be-jammert sie die reiche Frau, deren Seele, von keinem höhern Streben edelgehoben, ohne Anteil an den Rosen aus Pierien, unter den dunklen Schattenlautlos und vergessen dahinflattern wird. Am höchsten aber führt sie Erosempor, wenn er, ihre Seele beschwingend, sie über die Trauer des Todes hin-weghebt. Dem höchsten Gedanken der orphischen Religion verleiht sie Aus-druck, wenn sie es für Sünde erklärt, in dem musendienenden Hause Klageanzustimmen über den Untergang, da doch des apollinischen Propheten er-storbenes Haupt von der Lyra getragen singend an ihrer Insel Gestadeantrieb.
Möcht ich, solches Lied hörend, sterben, war Solons Wunsch. Wie weitsind hinter dieser Erhebung diejenigen zurückgeblieben, die in jenem Ge-danken nichts als einen neuen Ausdruck des unzerstörbaren Hanges zu stetsheiterem Lebensgenuß, den man als den hervorstechenden Zug der sapphi-schen Lyrik betrachtet, zu erkennen vermögen. So hat die Vernachlässigungder religiösen Idee, welche die lesbische Lyrik durchdringt, die Betrachtungum ihre schönste Frucht betrogen. In der richtigen Auffassung der höherenMysterienidee, worauf sich auch Sapphos Gesang über Selenes Liebe zu En-dymion bezieht, liegt der Schlüssel zu der Erklärung der merkwürdigstenSeite, welche die äolische Muse darbietet. Einerseits Wehmut, Klage, Schmerzüber den steten Untergang alles Lebens, anderseits die Zuversicht der Un-sterblichkeit, welche die Trauer verbannt, in welchem Gedanken findet dieserWiderspruch seine Lösung? Aber die orphische Religion bietet das gleicheJanusgesicht, auf dem einen Antlitz thronen Schmerz und Klage, auf demandern frohe Zuversicht und Freudigkeit, beide geeint in dem Gedanken, daßüber dem steten Untergang alles tellurischen Daseins die Ewigkeit des urani-schen Lebens versöhnend wohnt. Je tränenreicher die Klage ertönt, um somehr wird der Geist auf den höhern Teil der Lehre, die jenseitige Hoffnung,gerichtet. Nirgends tritt das völlige Entsprechen der orphischen und sapphi-schen Religionsanschauungen bestimmter hervor als hier. Wehmutsvoll istder Ton der orphischen Lyra, ihr Klang ein Klagegesang. — — Den Tod be-jammert sie als ein Unglück, war' er keines, so stürben auch die Götter. GellosGier, der schöngefiederten Taube starrer Tod, die von den Hirten des Gebirgsniedergetretene Hyazinthe, Niobes Schicksal, an alles knüpft sich die weh-mütige Erregung ihrer Seele, die gleich einer reizbaren Saite unter den Ein-drücken der stets wechselnden Außenwelt erzittert. Der lesbischen MädchenMelos wird zum Threnos, Sapphos Lyra nimmt in dem Reich der Schatten selbstden Zauber und die Kraft des orphischen Klagegesanges an und entwickelt imThrenos ihren höchsten Reiz. Den klagenden Melodien horchen die Unter-
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