Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

Wesen er sich ihnen zugesellte, je mehr er mit dieser Seele ihre Sache zuseiner machte und, nachdem sie einmal in seiner Göttergestalt erschienen war,nun wieder in ihrer eigenen Weise ihnen wiedergegeben wurde, um so mehrwar er der Angebetete. Dieser Grundton seines Charakters zeigte sich also inallen seinen Verhältnissen. Sie nahmen ihn alle an. So lebte er in seiner höch-sten Unabhängigkeit, in dem Verhältnisse, das ihm, auch ohne die objektiverenund geschichtlichem, seinen Gang vorzeichnete, so daß die äußeren Umstände,die ihn denselben Weg führten, so wesentlich und unentbehrlich sie sind, umdas zum Vorschein und zur Handlung zu bringen, was vielleicht nur Gedankebei ihm geblieben wäre, dennoch, trotz alles Widerstreits, in dem er in derFolge mit ihnen zu stehen scheint, doch seiner freiesten Stimmung und Seelebegegnen, was denn auch kein Wunder ist, da eben diese Stimmung auchder innerste Geist der Umstände ist, da alle Extreme in diesen Umständen voneben diesem Geiste aus und wieder auf ihn zurückgingen. In seinem unab-hängigsten Verhältnis löst sich das Schicksal seiner Zeit im ersten undletzten Problem auf; so wie diese scheinbare Lösung von hier aus wiedersich aufzuheben anfängt und damit endet. (Friedrich Hölderlin, Philosophi-sche Fragmente, 1798/1800.)

SOKRATES.

Das wahre Wesen der Sophistik und die tiefe Entwürdigung der Menschen-natur durch ihre Lehre erkannte zur selbigen Zeit in Athen nur ein einzigerMann, Sokrates, des Sophroniskos Sohn.

In diesem Manne war ein tiefes Gemüt, eine kindliche Scheu und Achtungdes Heiligen vereinigt mit einer seltenen Klarheit des Geistes und einer durchWissenschaft gewonnenen Kraft des Verstandes. Des Glaubens voll, daß ervon der Gottheit berufen sei, der Macht des Irrtums zu wehren und den Wahn-glauben zu vernichten, hat er sein ganzes Leben der Erforschung der Wahr-heit und deren Verbreitung geweiht. Arm, von geringer Abkunft und lebendvon seiner Hände Werk, trat er kühn dem herrschenden Verderben entgegenund hat noch im Tode für seine Überzeugung gekämpft. Daher sein ganzesLeben wie seine Lehre nur zu begreifen ist aus diesem Kampfe gegen das Böse,als dessen Quelle er die sophistische Denkweise erkannte. Wie er denn inseiner ganzen Erscheinung, in all seinem Wissen und Tun den vollkommenstenGegensatz bildet zu der Handlungsweise seiner Gegner.

Zogen jene prunkend und hoffärtig einher, Reichtum und Üppigkeit ach-tend als des Lebens höchstes Gut, so trat Sokrates auf, unscheinbar unddemutsvoll, aber gerüstet mit dem Freimut, den ein edles Bewußtsein verleiht.Wenn jene von schnöder Habsucht getrieben nur für beträchtliche Summenlehrten und Ärmere von sich hinwegwiesen, pflegte Sokrates ohne alle Be-lohnung mit jedem Wißbegierigen zu verkehren: denn die Erforschung derWahrheit war seines Lebens Freude und Lust und die Wissenschaft sein Ge-winn. Die Sophisten, nur aufs Äußere hingewandt, mochten Fertigkeiten undKenntnisse lehren, der Lehrlinge inneres geistiges Wesen blieb entweder un-gebildet oder ward durch Unsittlichkeit befleckt. Sokrates hingegen, nach

79