Gebärde, Taten oder Schriften, dem Glänze seiner Gestalt, dem Odem seinerdämonischen Gegenwart erlag er immer, bald gerührt, bald widerstrebend,meist mit nachträglicher Scham, Reue oder Wut. Ciceros Reden vor CäsarsAntlitz oder seine Kennerurteile über Cäsars Schriften sind solche Ausbrüche°der Eingeständnisse seines überwältigten Griechensinnes für Größe und An-mut. Hatte er aber Zeit, sich in der Entfernung auf seinen römischen Berufu nd Rang, auf seine republikanische Partei und Lehre und auf seine persön-liche Würde und Bahn zu besinnen, so übermannte ihn der Groll wider denAllverführer, der Haß wider den Tyrannen, und der Neid, das „ressentiment"Wider den einzigen Mann, den er sich unbedingt überlegen fühlte ohne das^ettungsmittel der Liebe. Aus solchen Stunden stammen die leisen Flüche,Seufzer, Bisse des Briefwechsels, die lauten Rügen der Moraltraktate und derfast tierische Jubelschrei nach Cäsars Tod: erst die befriedigte Rache stellt(in der zweiten Philippica) seinem Bewußtsein die echte Gestalt des gewal-hgen und holden Feindes wieder her, die seinem Gefühl niemals entschwundenWar, das Bild des wundervollen Verderbers.
Seit der Renaissance erst gilt rein persönliche Größe auch als ein fragloserWert, das Altertum kannte und scheute sie als Kraft und Zauber: als Wertehrte sie nur die staatsdienliche oder göttergeweihte Größe. Das noch so ra-gende Einzelselbst, der Titan, der Tyrann blieb Frevler, Verbrecher, bis erStaat schaffen, Götter bringen oder Gott werden konnte. So auch Cäsar fürCicero und dessen Sinnesgenossen. Die Flüche gegen Cäsar kommen nichtaus Blindheit für sein Genie — dies hat man immer deutlich wahrgenommen,^ur nicht wie bei der Renaissance wertgenommen, sondern abgewogen und zu'eicht befunden an den platonisch stoischen Werten der Tugend und der Frei-heit oder an den römischen Werten des Staatswohls und des Bürgerrechts.Wenn Cäsar immer wieder als der große Schänder dieser Gemeinwerte ver-dammt und als ein großer Träger der Einzelwerte gepriesen worden ist, alsMeister der Tat wie der Rede, des Schwertes wie des Stiles, als gebildeterKrieger und milder Tyrann, so stammt dies Widerspiel von Cicero, demallempfindlichen Kräftespürer mit dem zu kurzen Maßstabe.Cicero folgt der Laufbahn Cäsars von der katilinarischen Verschwörung bis2 u seiner Vergottung, und trotz allem Schwanken von Sorge, Furcht, Haß,Staunen, Qual und Verzicht, trotz aller Blendungen und Trübungen des Par-teihaders, trotz der befangenen Nähe nimmt er ihn als Ganzes — und wie sehrer auch seinen Weg verkennt und verabscheut: seine Schritte und seine Gang-art sieht er klar und richtig. Die Zeitgenossen haften weit mehr an kleinenEl nzelzügen und Einzeleigenheiten, und wenn diese auch das Gesamtbild'arben, so verwirren und erniedrigen sie es meist, einerlei ob sie wohlwollend°der gehässig gemeint sind. Cicero selbst (dies bleibt sein Lob) verfällt nie-mals in Lakaientum oder Schulmeisterei — das sind die beiden Denkarten,Welche die Geschichte heilloser verfälschen als aller Sektenzwist. Ein gescheiterGegner bemißt einen Helden sicherer als noch so fleißige Schranzen oder Klein-bürger. Cicero hat keine „Partikularitäten" Cäsars gesammelt, trotzdem ergeschwätzig, boshaft und witzig war, und keine Eigenschaftspsychologie ge-r, eben, sondern bis in den Tagesklatsch hinein den Gesamthauch Cäsars ge-5*
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