CICERO UND CÄSAR.
Nächst und neben Cäsar selbst ist für sein Fortleben niemand entscheidenderdurch seine Gesinnung und durch seine Begabung als Cicero. Er hat Jahr-hunderten den Ton angegeben für den moralischen und politischen Widerstandgegen Cäsars Werk, nie für die ästhetische Verherrlichung seines Wesens. DasCäsarbild Ciceros schillert vom Gott zur Fratze. Er hat ihm als „dem Glanzder Zeiten" Lobreden gehalten, worin er seine Kriegstaten, seine Seelengröße,seine Geistesgaben feiert mit so herzlich hohem Ton, wie niemand nach ihm,nicht nur ins Gesicht als schmeichelnder Werber für sich und seine KlientenDejotarus, Marcellus, Ligarius oder aus heimlicher Angst vor dem rätselhaftmilden Mann, dessen Gewalt er kannte, sondern noch nach dem Tode im Aus-bruch des haßbeklommenen, rachesatten und widerwillig staunenden Gemüts.In der zweiten „Philippica" soll zwar Cäsars großer Schatten zunächst denAntonius beschämen und drücken, der im Mantel des Riesen prunkte, dochdie Beschwörung selbst ist nicht ein Redekniff sondern Ciceros Ernst. Sohat er Cäsar gesehen durch alles Schwanken des Parteihaders und der persön-lichen Beziehungen: als ein Wunder von Kraft, Geist, Feinheit und Fülle,groß durch Gaben und Taten und als den ruchlosen Staatsverderber undVolksverführer, der sein Ingenium zum Unheil übe, ja, mit einer Lust amBösen. Auch das ist nicht nur Rednerantithese, obwohl es bei empfindsamenSchönschreibern von Livius bis Lamartine als solche weiterlebt. In Ciceroführte das römische und das hellenistische Erbe sein Leben lang jenen Kampfder Stimmungen, Urteile und Blicke, der ihn so schwank, feig, tückisch undwieder so vielfältig regsam und empfänglich macht. Ein Römer mit festenGründen, Zwecken und dem bequemen Pragmatismus, dem der Nutzen sitt-lich, das Sichere heilig erscheint, mit der naiven Selbstsucht einer macht-gewohnten Kaste, deren Tonart er als Neuling, Rhetor und Temperamentnoch überhob, ward er locker, schmiegsam und wach von den hellenistischenWellen und Strahlen und ergab alle seine Nerven und Sinne dem Lichtreiz desGeistes, ohne doch von den starren Werten seiner engeren Ahnen zu lassen.In Cäsar wirkte das Römertum als Kraft, nicht als Lehre und Wunsch, undergriff daher triebsicher die Bildungsstoffe der erweiterten Welt, die sein Geistbeherrschte, beirrt weder von rücksichtigen Lehren noch von neugierigenGefühlen. Bei Cicero blieb aber gerade das Bewußtsein römisch und das Ge-blüt ward hellenistisch. Statt eines römischen Täters mit griechischem Geistwurde er ein hellenistischer Empfänger' mit römischer Meinung. Wo seineEmpfänglichkeit zu Wort kommt, da mutet er uns neben den Alt- und Streng-römern als ein leichteres und helleres Wesen an, doch sie fälscht sich oft mitaltrömischen Gemeinplätzen und wirkt dann unecht, weil man sie seinen fie-bernden Nerven nimmer glaubt, trotz der Pracht und Schnelle seiner Sprache,die vom Römertum die gewichtigen Worte, vom Griechentum die geschmei-digen Töne hat.
Der Zwiespalt zwischen hellenistischer Empfänglichkeit und römischem Pro-gramm, zwischen unbewußter Durchgriechung und bewußter Römerei er-klärt auch Ciceros zwiespaltiges Verhältnis zu Cäsar. Dem Zauber seiner
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