Parthenon — er, dessen trümmerhafte Giebel und wettergebräunte, nur inihren Wunden noch marmorweiße Säulen ihr Bestes, die alte Kraft und Seele,noch immer nicht ausgehaucht. Neben dieser Tempelfront rechts hinaus, dasheißt südwärts, sah man aufs warmblaue Meer; rückwärts über die Propyläenhin sah man die zwei langen Parallelmauern, die den entfernten Piräeushafenund sein Hügelkastell an die Stadt knüpften. Dieser Hafen und seine Arsenalegaben viel zu denken; schon manches Leid für König Philipp war daraus her-vorgerudert. Landeinwärts nach Nordwesten lag der Akademoshain — wieheute der Olivenwald — und den Weg dahin säumten Grabgebäude, auf denenso mancher fernklingende Namen zu lesen war, und die Gedächtnismale fürso manchen Kampf auf fremdem Boden, in Sizilien, Thrakien, Asien. Undwie war die Stadt selber voll von Ehrenstatuen, von gemalten Hallen zur Er-innerung an alte Siegestaten oder an die in Göttergeschichte übergehendeVorzeit Athens! Gegen das östliche Ende der Burg sah man südwärts ins großeTheater hinab — ein heiliger Boden, nicht nur, weil er ins Gebiet des nächstenDionysostempels gehörte, sondern weil er der erste war, den die vollendeteTragödie betreten hatte. Dies ist es, die geistige Kraft der athenischen Dichterund Redner, wovor Alexander die größte Andacht hatte. Was halfen alleTaten, wenn sie nicht Anerkennung in Athen fanden? Tief in Indien, beimÜbergang über den angeschwollenen Hydaspes, in der Wetternacht, als derBoden ihm unter den Füßen wich, soll Alexander geseufzt haben: „Ach, Athe-ner, werdet ihr's wohl glauben, was für Gefahren ich ausstehe, nur um voneuch gelobt zu werden?" (Jul. Braun, Historische Landschaften, 1867.)
ALEXANDER UND CANDACE.
Aus Persien eilt der Eroberer (Alexander) nach dem Reiche der Semiramis,welches damals dem Szepter Candaces, der Urenkelin jener, der verwitwetenMutter dreier Kinder, gehorchte. Die Erzählung eröffnet mit einem Brief-wechsel des Makedoniers und der Königin. An die alte Verbindung Indiensund Ägyptens erinnernd, fordert Alexander die Candace zu einem gemein-samen Besuche des Ammonium und zu gemeinsamer Verehrung des beidengleich nah verwandten Gottes, dem Matronen den Dienst versehen, auf; aberdie Fürstin hält ihm des Ammonischen Orakels Verbot entgegen und be-gnügt sich durch reiche Geschenke für beide, ihre Freundschaft an den Tagzu legen. Unwiderstehliche Lust ergreift nun den König, die Fürstin selbstzu besuchen. Diese, davon unterrichtet, läßt insgeheim des Fremdlings Bild-nis aufnehmen und sichert sich durch dieses Mittel die Möglichkeit spätererErkennung. Der König selbst sieht sich in der Ausführung seines Planes durchein unvermutetes Ereignis unterstützt. Von wenigen Reitern begleitet, nähertsich Candaules, einer von Candaces Söhnen, dem makedonischen Lager. Er-griffen und vor Ptolemaios Soter geführt, gibt er sich diesem, den er für Ale-xander hält, zu erkennen, und eröffnet ihm auch Veranlassung und Zweckseines Unternehmens. Kurz zuvor durch amazonische Frauen im Dienste desBebrycischen Häuptlings seiner Gemahlin beraubt, zieht er hin, um für die
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