ein Haupt, das mit einer frohen Erinnerung seiner erstaunlichen Tatenbeschäftigt ist, und indem sich so ein Haupt voll von Majestät und Weis-heit vor meinen Augen erhebt, so fangen sich an in meinen Gedanken dieübrigen mangelhaften Glieder zu bilden: es sammelt sich ein Ausfluß aus demGegenwärtigen und wirkt gleichsam eine plötzliche Ergänzung.Die Macht der Schulter deutet mir an, wie stark die Arme gewesen, die denLöwen auf dem Gebirge Kithäron erwürgt, und mein Auge sucht sich die-jenigen zu bilden, die den Cerberus gebunden und weggeführt haben. SeineSchenkel und das erhaltene Knie geben mir einen Begriff von den Beinen, dieniemals ermüdet sind und den Hirsch mit Füßen von Erz verfolgt und erreichthaben.
Durch eine geheime Kunst aber wird der Geist durch alle Taten seinerStärke bis zur Vollkommenheit seiner Seele geführt, und in seinem Sturze istein Denkmal derselben, welches ihm keine Dichter, die nur die Stärke seinerArme besingen, errichtet; der Künstler hat sie übertroffen. Sein Bild desHelden gibt keinen Gedanken von Gewalttätigkeit und ausgelassener LiebePlatz. In der Ruhe und Stille des Körpers offenbart sich der gesetzte großeGeist, der Mann, welcher aus Liebe zur Gerechtigkeit den größesten Gefähr-lichkeiten ausgesetzt, der den Ländern Sicherheit und den EinwohnernRuhe geschafft.
In diese vorzügliche und edle Form einer so vollkommenen Natur ist gleich-sam die Unsterblichkeit eingehüllt, und die Gestalt ist bloß wie ein Gefäßderselben; ein höherer Geist scheinet den Raum der sterblichen Teile einge-nommen und sich an die Stelle derselben ausgebreitet zu haben. Es ist nichtmehr der Körper, welcher annoch wider Ungeheuer und Friedensstörer zustreiten hat; es ist derjenige, der auf dem Berge Öta von den Schlacken derMenschheit gereinigt worden, die sich von dem Ursprünge der Ähnlichkeit desVaters der Götter abgesondert.
So vollkommen hat weder der geliebte Hyllus, noch die zärtliche Jole denHerkules gesehen; so lag er in den Armen der Hebe, der ewigen Jugend, undzog in sich einen unaufhörlichen Einfluß derselben. Von keiner sterblichenSpeise und groben Teilen ist sein Leib ernährt: ihn erhält die Speise der Götter,und er scheint nur zu genießen, nicht zu nehmen, und völlig, ohne angefülltzu seyn.
0, möchte ich dieses Bild in der Größe und Schönheit sehen, in welcher essich dem Verstände des Künstlers geoffenbart hat, um nur allein von demÜberreste sagen zu können, was er gedacht hat, und wie ich denken sollte!Mein großes Glück nach dem seinigen würde sein, dieses Werk würdig zu be-schreiben. Voller Betrübnis aber bleibe ich stehen, und so wie Psyche anfingdie Liebe zu beweinen, nachdem sie dieselbe kennengelernt, so bejammereich den unersetzlichen Schaden dieses Herkules, nachdem ich zur Einsichtder Schönheit desselben gelangt bin.
Die Kunst weint zugleich mit mir: denn das Werk, welches sie den größtenErfindungen des Witzes und Nachdenkens entgegensetzen, und durch welchessie noch itzo ihr Haupt wie in goldenen Zeiten zu der größten Höhe mensch-licher Achtung erheben könnte: dieses Werk, welches vielleicht das letzte ist,
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