seinen Freund nannte, den Aristoteles so hoch stellte, den Menander bewun-derte, und um den Sophokles und die Stadt Athen bei der Nachricht vonseinem Tode Trauerkleider anlegte, mußte doch wohl in der Tat etwas sein.Wenn ein moderner Mensch an einem so großen Alten Fehler zu rügen hätte,So sollte es billig nicht anders geschehen als auf den Knien. (Eckermann,Gespräche mit Goethe, Mai 1825 und März 1827.)
DER HELDISCHE PARTNER.
Die heroische Freundschaft ist die schönste Vermählung rauher Größe undzarten Gefühls. Sie ist die edelste Frucht dieses Zeitalters (heroisches Zeitalterder Griechen) und so sehr Charakter desselben, daß schon aus dem Dunkelder ältesten Sagen die Helden uns paarweise entgegenstrahlen, Kastor undfollux, Herkules und Iolaus, Theseus und Pirithous. Alle hervorstechendenHelden der Iliade sind von einem tapfern Genossen freundlich begleitet. Daßsolche Heldenverbrüderungen erhaben und mächtig sind, versteht sich vonselbst; wie edel und zart sie waren, davon hat uns Homer ein ewiges Gemäldehinterlassen — die Freundschaft des Achilles und Patroklus. (Friedr. Schlegel,Über die weiblichen Charaktere in den griechischen Dichtern, 1794.)
ACHILL BEI HOMER.
Achilles, obgleich im Zorn furchtbarer wie ein kämpfender Löwe, kenntdennoch die Tränen des zärtlichen Schmerzens am treuen Busen einer lieben-den Mutter; er zerstreut seine Einsamkeit durch die milde Lust süßer Gesänge.Mit einem rührenden Seufzer blickt er auf seinen eigenen Fehler zurück, aufdas ungeheure Unheil, welches die starrsinnige Anmaßung eines stolzen KönigsUnd der rasche Zorn eines jungen Helden veranlaßt haben. Mit hinreißenderWehmut weiht er die Locke an dem Grabe des geliebten Freundes. Im Armeines ehrwürdigen Alten, des durch ihn unglücklichen Vaters seines verhaßtenFeindes, kann er in Tränen der Rührung zerfließen. Der allgemeine Umrißeines Charakters wie Achilles hätte vielleicht auch in der Phantasie einesNord- oder Süd-Homerus entstehen können: diese feineren Züge der Aus-bildung waren nur dem Griechen möglich. Nur der Grieche konnte diesebrennbare Reizbarkeit, diese furchtbare Schnellkraft wie eines jungen Löwenm it soviel Geist, Sitte, Gemüt vereinigen und verschmelzen. (Friedr. Schlegel,Über das Studium der griechischen Poesie, 1798.)
ACHILL.
Am meisten aber lieb' ich und bewundere den Dichter aller Dichter um seinesAchilles willen. Es ist einzig, mit welcher Liebe und welchem Geiste er diesenCharakter durchschaut und gehalten und gehoben hat. Nimm die alten HerrnAgamemnon und Ulysses und Nestor mit ihrer Weisheit und Torheit, nimmde n Lärmer Diomed, den blind tobenden Ajax und halte sie gegen dengenialischen, allgewaltigen, melancholisch-zärtlichen Göttersohn, den Achill,
4 Wolters, Der Deutsche. I. *g