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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
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Nur da, wo Erfindsamkeit, Geselligkeit, Beredsamkeit und Schonung gleich-sam eingeboren waren, wo die vollständige Bildung die einseitigen Vorzügeder dorischen und jonischen Bildung umfaßte, wo bei der unbeschränktestenFreiheit und Gesetzesgleichheit alles Innere in kecker Gestalt ans Licht tretendurfte und durch den lebhaftesten Kampf die vielseitigste Friktion von außengewetzt, gereinigt, gerundet und geordnet wurde: nur in Athen war dieVollendung der griechischen Sprache möglich.

Der Rhythmus des Sophokles vereinigt den starken Fluß, die gedrängteKraft und die männliche Würde des dorischen Stils mit der reichen Fülle, derraschen Weichheit und der zarten Leichtigkeit jonischer oder äolischer Rhyth-men. --------

Alle diese skizzierten Vollkommenheiten der Sophokleischen Dichtung sindnicht getrennte und für sich bestehende Eigenschaften, sondern nur verschie-dene Ansichten und Teile eines streng verknüpften und innigst verschmolzenenGanzen. Solange das Gleichgewicht der Kraft und Gesetzmäßigkeit in derBildung noch nicht verloren, solange das Ganze der Schönheit noch nichtzerrissen ist, kann das Einzelne gar nicht auf Unkosten des Ganzen vollkom-mener sein. Alle einzelnen Trefflichkeiten leihen sich gegenseitig in durch-gängiger Wechselwirkung einen höheren Wert. Aus der Vereinigung allerdieser Eigenschaften, in denen ich nur die allgemeinsten Umrisse, gleichsamdie äußersten Grenzen seines unerschöpflich reichen Wesens entworfen habe,entspringt die selbstgenugsame Vollendung, die eigne Süßigkeit, welche denGriechen selbst vorzüglich charakteristische Züge dieses Dichters zu seinschienen.-

Diese Bildungen scheinen nicht gemacht oder geworden, sondern ewig vor-handen gewesen oder von selbst entstanden zu sein, wie die Göttin der Liebeleicht und plötzlich vollendet aus dem Meere emporstieg. (Friedr. Schlegel,Die Griechen und die Römer, 1797.)

EURIPIDES.

Die tragische Kunst der Griechen konnte so wenig durch Euripides in Ver-fall geraten, als die bildende Kunst durch irgendeinen großen Bildhauer, derneben Phidias lebte, aber geringer war. Denn die Zeit, wenn sie groß ist, gehtauf dem Wege des Besseren fort, und das Geringere bleibt ohne Folge.Was war aber die Zeit des Euripides für eine große Zeit! Es war nicht dieZeit eines rückschreitenden, sondern die Zeit eines vorschreitenden Geschmak-kes. Die Bildhauerei hatte ihren höchsten Gipfel noch nicht erreicht, und dieMalerei war noch im früheren Werden.

Ich habe nichts dawider, daß Euripides seine Fehler habe; allein er war vonSophokles und Äschylus doch immerhin ein sehr ehrenwerter Mitstreiter.Wenn er nicht den hohen Ernst und die strenge Kunstvollendung seiner bei-den Vorgänger besaß und dagegen als Theaterdichter die Dinge ein wenigläßlicher und menschlicher traktierte, so kannte er wahrscheinlich seineAthenienser hinreichend, um zu wissen, daß der von ihm angestimmte Tonfür seine Zeitgenossen eben der rechte sei. Ein Dichter aber, den Sokrates

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