Homer bis zum letzten Romanschreiber der Griechen wird dieser Jugend-blüte der Schönheit wie auf einem Altar der Grazie geopfert. Der Kußjenes jüngeren Plato, in welchem seine Seele ihm auf den Lippen schwebte,haucht noch: sein geliebter Stern (äo"Tnp), den er mit tausend Augen an-zusehen wünschte, glänzt noch unter den Sternen. So mehrere GedichteMeleagers, und o wäre die Stimme der Lyra nicht verhallt, die dieseBlume der Menschheit mit höchstem Wohlgefallen pries: die griechischeSprache hat in Bezeichnung der Jugendgrazie einen anerkannten Reichtuman Ausdrücken, unter andern auch deswegen, weil diese meistens auf dieKunst anspielen. Die Kunst machte ihre Begriffe klar und gab ihren Empfin-dungen die Gestalt der Worte. Unter andern zum Beispiel finde ich, daß dieJungfräulichkeit des Jünglings, die holde Scham auf seinem Gesicht, in seinemAnstände und in seinen Sitten ebenso hoch von der Muse gepriesen ward, alsdie Kunst sie fein ausdrückte. Beide bemerkten die zarte Blüte des Lebens, inder sich die Geschlechter gleichsam trennen wollen und doch noch zusammenwohnen (ein Punkt, der von den Neueren sehr mißverstanden ist, und den auchdie spätere Kunst vielleicht zu üppig ausgebildet), als den wahren Reiz derSchönheit. Kein Jüngling, dünkt mich, kann einen dieser Jünglinge an-schauen, ohne daß die heilige Scham sich sanft auf seine Stirn senke, und
jeden Frevel, jede Frechheit von ihm verscheuche.-------—
Ihr Genien der Jünglingschaft, schönste Blüte des menschlichen Lebens,was Winckelmann von euch in seinen schönen Träumen gedichtet hat, istkein Traum; auch der Name Genius, den man euch gegeben, ist ein treffenderName: denn welcher holderen Idee könnte man am Geburtstage seines Daseinsopfern? So dachte sich die Natur ihre schönsten Kinder, Engel in Menschen-gestalt oder vielmehr Menschen, aus deren Gestalt man den Engel abzog.Süße Ruhe, holde Einfalt, ein nüchternes In-sich-gekehrt-sein, dem das Lebenselbst noch wie ein Traum der Morgenröte vorschwebet, die unbefleckte Roseder Jugend, die noch von keinem Sturme gebrochen, von keiner Mittagssonneversengt ist, o wie liebe ich euch, ihr zarten Sprossen der Menschheit, und ehremich, daß ich euch liebe. Ein Blick auf dich, du vatikanischer oder borghesi-scher Genius, vernichtigt die Verleumdungen, die man über die Liebe zu Jüng-lingen den edelsten Griechen gemacht hat; wie rein war die Idee, in welcherdiese Geschöpfe, die Blüte der Menschheit, gedacht und gebildet wurden.(Joh. Gottfr. Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, 1795.)
ANTIKE FREUNDSCHAFT.
Zu Ehren der Freundschaft. — Daß das Gefühl der Freundschaft demAltertum als das höchste Gefühl galt, höher selbst als der gerühmteste Stolzes Selbstgenügsamen und Weisen, ja gleichsam als dessen einzige und nochheiligere Geschwisterschaft: dies drückt sehr gut die Geschichte von jenemmazedonischen Könige aus, der einem weltverachtenden Philosophen Athensein Talent zum Geschenk machte und es von ihm zurückerhielt. „Wie?" sagteder König, „hat er denn keinen Freund?" Damit wollte er sagen: „Ich ehrediesen Stolz des Weisen und Unabhängigen, aber ich würde seine Mensch-
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