lichkeit noch höher ehren, wenn der Freund in ihm den Sieg über seinen Stolzdavongetragen hätte. Vor mir hat sich der Philosoph herabgesetzt, indem erzeigte, daß er eines der beiden höchsten Gefühle nicht kennt — und zwar dashöhere nicht!" (Friedr. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 1881/82.)
DAS GRIECHISCHE WEIB.
In der Sitte des hellenischen Volkes war das Anrecht der Familie auf Mannund Kind auf das geringste Maß beschränkt: der Mann lebte im Staate, dasKind wuchs für den Staat und an der Hand des Staates. Der griechische Willesorgte dafür, daß nicht in der Abgeschiedenheit eines engen Kreises sich dasKulturbedürfnis zu befriedigen wußte. Vom Staate hat der einzelne alles zuempfangen, um ihm alles wiederzugeben. Das Weib bedeutet demnach fürden Staat, was der Schlaf für den Menschen. In seinem Wesen liegt die hei-lende Kraft, die das Verbrauchte wieder ersetzt, die wohltätige Ruhe, in dersich alles Maßlose begrenzt, das ewig Gleiche, an dem sich das Ausschreitende,Überschüssige reguliert. In ihm träumt die zukünftige Generation. Das Weibist mit der Natur näher verwandt als der Mann und bleibt sich in allem Wesent-lichen gleich. Die Kultur ist hier immer etwas Äußerliches, den der Naturewig getreuen Kern nicht Berührendes, deshalb durfte die Kultur des Weibesdem Athener als etwas Gleichgültiges, ja — wenn man sie nur sich vergegen-wärtigen wollte — als etwas Lächerliches erscheinen. Wer daraus sofort dieStellung des Weibes bei den Griechen als unwürdig und allzuhart zu erschlie-ßen sich gedrungen fühlt, der soll nur ja nicht die ,,Gebildetheit" des modernenWeibes und deren Ansprüche zur Richtschnur nehmen, gegen welche es ein-mal genügt, auf die olympischen Frauen samt Penelope, Antigone, Elektrahinzuweisen. Freilich sind dies Idealgestalten, aber wer möchte aus der jetzi-gen Welt solche Ideale erschaffen können?-----------Das Wesen des Weibes
bleibt sich gleich, aber ihre Macht ist je nach der Stellung des Staates zu ihneneine verschiedene. Sie haben auch wirklich die Kraft, die Lücken des Staateseinigermaßen zu kompensieren — immer ihrem Wesen getreu, das ich mitdem Schlaf verglichen habe. Im griechischen Altertum nahmen sie die Stel-lung ein, die ihnen der höchste Staatswille zuließ: darum sind sie verherrlichtworden wie niemals wieder. Die Göttinnen der griechischen Mythologie sindihre Spiegelbilder: die Pythia und die Sibylle ebenso wie die sokratische Diotimasind die Priester innen, aus denen göttliche Weisheit redet. Jetzt versteht man,weshalb die stolze Resignation der Spartanerin bei der Nachricht vom Schlach-tentode des Sohnes keine Fabel sein kann. Das Weib fühlte sich dem Staategegenüber in der richtigen Stellung: darum hatte es mehr Würde, als je wiederdas Weib gehabt hat. Plato, der durch Aufhebung der Familie und der Ehejene Stellung des Weibes noch verschärft, empfindet jetzt soviel Ehrfurchtvor ihnen, daß er wunderbarerweise verführt wird, durch nachträgliche Er-klärung ihrer Gleichstellung mit den Männern ihre ihnen zukommende Rang-ordnung wieder aufzuheben: der höchste Triumph des antiken Weibes, auchden Weisesten verführt zu haben! (Friedr. Nietzsche, Das griechische Weib,1871.)
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