Es ist die reine Flamme in dem keuschen Busen der hohen Himmelsgöttin,welche als ein erhabenes Sinnbild auf dem Altar der Vesta loderte, und wennsie erloschen war nur durch den elektrischen, durch Reibung hervorgelocktenFunken sich wieder entzünden durfte.
Unter diesem hohen Sinnbilde wurde das umgebende Ganze selber in sei-nem geheimsten Mittelpunkte verehrt, wo Gestalt und Bildung aufhörte, undder runde, umwölbende Tempel mit dem Altar und der darauf loderndenFlamme selbst das Bild der innewohnenden Gottheit war.Dieser uralte Gottesdienst verflocht sich auch in das schöne häusliche Lebender Alten: man dankte der Vesta jede wohltätige Wirkung des Feuers, die aufErhaltung und Ernährung abzweckt. Sie war es, welche die Menschen lehrte,sich auf dem heiligen Herde die nährende Kost zu bereiten.Auch das Häuserbauen lehrte Vesta die Menschen, und so wie das umgebendeGanze selber ihr Tempel war, so war auch die schützende Umgebung desMenschen ihr wohltätiges Werk, das ihr die Sterblichen dankten; denn derEintritt zu jeglichem Hause und der Vorhof waren ihr heilig.Es war ein reines, dankbares Gefühl bei den Alten, wodurch sie jede einzelneWohltat der Natur unter irgendeinem bezeichnenden Sinnbilde besonders an-erkannten; es war eine schöne Idee, der heiligen Flamme, welche wohltätigdem Menschen dient, gleichsam wieder zu pflegen, und unbefleckte Jung-frauen, als die heiligen Priesterinnen, ihrem immerwährenden Dienste zuweihen.
Für das Feuer, welches allenthalben den Menschen nützt, gab es auch einenFleck, wo es nie durch den Gebrauch zu menschlichem Bedürfnis herabge-zogen stets um seiner selbst willen loderte und die Ehrfurcht der Sterblichenauf sich zog.
Wenn die Kunst der Alten es wagte, die Vesta abzubilden, so trug die ge-heimnisvolle Göttin eine Fackel in der Hand, aber der keusche Schleier hülltedennoch ihre Bildung ein. (Karl Phil. Moritz, Götterlehre, I79*-)
DIE RÖMER UND IHRE GÖTTER.
Man war bisher gewöhnt, vorzüglich Staats- und Rechtsleben des römischenVolkes in den Vordergrund zu stellen und seine kriegerische Tapferkeit zupreisen. Dadurch ist geschehen, daß man oft die tiefere Grundlage des römi-schen Charakters unbeachtet ließ, das lebendige Abhängigkeitsgefühl von derMacht der Götter. Mit den Göttern und durch die Götter ist die ewige Stadtgegründet worden. Nicht nur in außerordentlichen Zeiten haben sie ihrenWillen dem römischen Volke kundgetan, sondern sie stehen in jedem Augen-blick mit ihrer Hilfe nahe. Durch die Sprache der Seher und Priester, durchWunder und Zeichen, durch die ganze belebte und unbelebte Natur haben sieRat und Warnung ausgesprochen oder durch schwere Strafen ihren Zornverkündet. Dieser innige Verband wurde durch die göttliche Abstammungdes erlauchtesten Geschlechts vermittelt und blieb durch verborgene Wissen-schaft dem römischen Volke gesichert. Denn nicht mühelos wird die gött-liche Offenbarung dem Menschen kund, und nur die Weisheit vermag das
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