Wesens durch den idealen Ausdruck der Kunst hindrängten, wenn die Stimme,voll und tönend, zum Chorgesang sich erhob, um zugleich des Gottes Taten zusingen und den Tänzern den schwungvollen Takt zu dem Tanze zu geben, derin anmutiger und kühner Bewegung jene Taten selbst darstellte, wenn erauf harmonisch geordneten Säulen das edle Dach wölbte, die weiten Halb-kreise des Amphitheaters übereinander reihte und die sinnigen Anordnungender Schaubühne entwarf. Und so sah ihn, den herrlichen Gott, der von Dio-nysos begeisterte tragische Dichter, wenn er allen Elementen der üppig ausdem schönsten menschlichen Leben, ohne Geheiß, von selbst und aus innererNaturnotwendigkeit aufgesproßten Künste, das kühne bindende Wort, dieerhabene dichterische Absicht zuwies, die sie alle wie in einem Brennpunktvereinigte, um das höchste erdenkliche Kunstwerk, das Drama, hervor-zubringen.
Die Taten der Götter und Menschen, ihre Leiden, ihre Wonnen, wie sieernst und heiter als ewiger Rhythmus, als ewige Harmonie aller Bewegung,alles Daseins in dem hohen Wesen Apollons verkündet lagen, hier wurden siewirklich und wahr; denn alles, was sich in ihnen bewegte und lebte, wie es imZuschauer sich bewegte und lebte, hier fand es seinen vollendetsten Ausdruck,wo Auge und Ohr, wie Geist und Herz, lebendig und wirklich alles erfaßtenund vernahmen, alles leiblich und geistig wahrhaftig sahen, was die Einbil-dung sich nicht mehr nur vorzustellen brauchte. Solch ein Tragödientagwar ein Gottesfest, deifn hier sprach der Gott sich deutlich und vernehmbaraus: der Dichter war sein hoher Priester, der wirklich und leibhaftig in seinemKunstwerk darinnen stand, die Reigen der Tänzer führte, die Stimme zum Chorerhob und in tönenden Worten die Sprüche göttlichen Wissens verkündete.(Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution, 1849.)
DIONYSOS.
Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränkes, von dem alle ur-sprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem ge-waltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings er-wachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zuvölliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalterwälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Scharen,singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen St. Johann- und St. Veit-tänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder mit ihrerVorgeschichte in Kleinasien bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sa-käen. Es gibt Menschen, die aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinnsich von solchen Erscheinungen wie von „Volkskrankheiten" spöttisch oderbedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnenfreilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre „Gesund-heit" sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwär-mer vorüberbraust.
Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwi-schen Mensch und Mensch wieder zusammen, auch die entfremdete, feindliche
18