Wenn einer einmal, sei es auch im Traume, in eine althellenische Existenzsich zurückversetzt fühlte: im Wandeln unter hohen ionischen Säulengängen,aufwärtsblickend zu einem Horizont, der durch reine und edle Linien abge-schnitten ist, neben sich Widerspiegelungen seiner verklärten Gestalt inleuchtendem Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart bewegteMenschen, mit harmonisch tönenden Lauten und rhythmischer Gebärden-sprache — würde er nicht bei diesem fortwährenden Einströmen der Schön-heit zu Apollo die Hand erhebend ausrufen müssen: „Seliges Volk der Hel-lenen! wie groß muß unter euch Dionysos sein, wenn der delische Gott solcheZauber für nötig hält, um euren dithyrambischen Wahnsinn zu heilen!" —Einem so Gestimmten dürfte aber ein greiser Athener, mit dem erhabenenAuge des Äschylus zu ihm aufblickend, entgegnen: „Sage aber auch dies,du wunderlicher Fremdling, wieviel mußte dies Volk leiden, um so schönwerden zu können! Jetzt aber folge mir zur Tragödie und opfere mit mirim Tempel beider Gottheiten!" (Friedr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie,1872.)
APOLLON UND DIE TRAGÖDIE.
Wir können bei einigem Nachdenken in unserer Kunst keinen Schritt tun,ohne auf den Zusammenhang derselben mit der Kunst der Griechen zu treffen.In Wahrheit ist unsere moderne Kunst nur ein Glied in der Kette der Kunst-entwicklung des gesamten Europa, und diese nimmt ihren Ausgang von denGriechen.
Der griechische Geist, wie er sich zu seiner Blütezeit in Staat und Kunstzu erkennen gab, fand, nachdem er die rohe Naturreligion der asiatischenHeimat überwunden und den schönen und starken freien Menschen auf dieSpitze seines religiösen Bewußtseins gestellt hatte, seinen entsprechendstenAusdruck in A pol Ion, dem eigentlichen Haupt- und Nationalgotte derhellenischen Stämme.
Apollon, der den chaotischen Drachen Python erlegt, die eitlen Söhne derprahlerischen Niobe mit seinen tödlichen Geschossen vernichtet hatte, derdurch seine Priesterin zu Delphi den Fragenden das Urgesetz griechischenGeistes und Wesens verkündete, und so dem in leidenschaftlicher HandlungBegriffenen den ruhigen, ungetrübten Spiegel seiner innersten, unwandelbargriechischen Natur vorhielt: Apollon war der Vollstrecker von Zeus' Willenauf der griechischen Erde, er war das griechische Volk.
Nicht den weichlichen Musentänzer, wie ihn uns die spätere üppigere Kunstder Bildhauerei allein überliefert hat, haben wir uns zur Blütezeit des griechi-schen Geistes unter Apollon zu denken; sondern mit den Zügen heitern Ernstes,schön aber stark, kannte ihn der große Tragiker Aischylos. So lernte ihndie spartanische Jugend kennen, wenn sie den schlanken Leib durch Tanzenund Ringen zu Anmut und Stärke entwickelte, wenn der Jüngling in die Reihender Genossen trat, bei denen er keinen andern Anspruch geltend zu machenhatte, als den seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit, in denen allein seineMacht, sein Reichtum lag. So sah ihn der Athener, wenn alle Triebe seinesschönen Leibes, seines rastlosen Geistes ihn zur Wiedergeburt seines eigenen
2 Wolters, Der Deutsche. I. j«