der rächenden Nemesis, die verborgene Vergehungen straft; der Brüder Schlafund Tod, wovon der eine die Menschen sanft und milde besucht, der andereaber ein eisernes Herz im Busen trägt. Sie ist ferner die Mutter der ganzenSchar der Träume; der fabelhaften Hesperiden, welche an den entferntestenUfern des Ozeans die goldenen Früchte bewahren; des Betruges, der sich inDunkel hüllt; der hämischen Tadelsucht; des nagenden Kummers; der Mühe,welche das Ende herbeiwünscht; des Hungers; des verderblichen Krieges;der Zweideutigkeiten im Reden, und des Meineides.
Alle diese Geburten der Nacht sind dasjenige, was sich entweder dem Blickder Sterblichen entzieht, oder was die Phantasie selbst gern in nächtliches
Dunkel hüllt.--------
Man sieht, wie die Alten das Dunkle und Furchtbare in reizende Bildereinkleideten, und wie sie demohngeachtet für das höchste Tragische emp-fänglich waren, indem sie sich unter dem von der Nacht geborenen unver-meidlichen Schicksal oder dem Fatum das Höhere Obwaltende dachten, dessenaltes Reich und dessen dunkle Pläne weit außer dem menschlichen Gesichts-kreise liegen, dessen Spuren man in dem vielfältigen Jammer las, der dieMenschheit drückt, indem man das Unbekannte ahndete, unter dessen Machtdie untergeordneten Kräfte sich beugen müssen, und ein wunderbares Ge-fallen selbst an der Darstellung schrecklicher Ereignisse und verwüstenderZerstörung fand, indem die Einbildungskraft mit Vergnügen sich in das Ge-biet der Nacht und der öden Schattenwelt verirrte.
Demohngeachtet stellt sich uns in den schönen Dichtungen der Alten keineinziges ganz hassens- und verabscheuungswürdiges Wesen dar. Die un-erbittlichen Parzen, welche die Nacht geboren hat, und selbst die rächerischenFurien, sind immer noch ein Gegenstand der Verehrung der Sterblichen.Selbst die Sorgen und der drückende Kummer gehören in der Vorstellungsartder Alten mit zu dem Gebiete des dunkeln Obwaltenden, das die stolzenWünsche der Sterblichen hemmt und dem Endlichen seine Grenzen vor-schreibt.
Alle diese furchtbaren Dinge treten mit in der Reihe der Göttergestaltenauf und werden nicht als ausgeschlossen gedacht, weil sie sich in dem not-wendigen Zusammenhange der Dinge mit befinden.
Dieser notwendige Zusammenhang der Dinge oder die Notwendigkeit selber,welche die Griechen Eimarmene nannten, war eben jene in furchtbaresDunkel gehüllte Gottheit, welche mit unsichtbarem Szepter alle übrigenbeherrschte und deren Dienerinnen die unerbittlichen Parzen waren.Klotho hält den Rocken, Lachesis spinnt den Lebensfaden und Atropos mitder furchtbaren Schere schneidet ihn ab.
Die Parzen bezeichnen die furchtbare, schreckliche Macht, der selbst dieGötter unterworfen sind, und sind doch weiblich und schön gebildet, spinnendund in den Gesang der Sirenen stimmend.
Alles ist leicht und zart bei der unbegrenzten höchsten Macht. NichtsBeschwerliches, Unbehilfliches findet hier mehr statt; aller Widerstand desMächtigern erreicht auf diesem Gipfel seine Endschaft. (Karl Phil. Moritz,Götterlehre, 1791.)
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