Frieden geboten, darum feiern um seinen Thron Grazien und Hören unzertrenn-bare Reigentänze. Sein Haupthaar, dessen Wallen den Olymp erschüttert,fällt in ruhigen Locken nieder; sein Mund ist gütig und der Wink seines Augen-brauns verheißt dem Flehenden, der seine Knie berühret, väterlichen Beistand.Heil dem Gott der Götter! Er gebe seinen erstgeborenen Söhnen, was er hat undist, mächtige Güte, gnädige Weisheit! (Joh. Gottfr. Herder, Zur schönenLiteratur und Kunst, 1795.)
APHRODITE.
Dir nahen wir uns, himmlische Aphrodite, unübertroffenes Ideal des weib-lichen Liebreizes, einer sittlichen Schönheit. Aus der Welle des unruhigenMeeres stiegst du hervor, vom lauen Zephir getragen; da legten sich dieWellen; deine sittsame Gegenwart machte sie zum Spiegel der Lüfte. Be-scheiden trocknetest du dein Haar und jeder fallende Tropfen deines irdischenUrsprunges ward ein Geschenk, eine Perle der Muschel, die dich wollüstigin ihrem Schöße wiegte. Du stiegst zum Olymp, und die Götter empfingendich in deiner Gestalt: denn sie selbst war deine Hülle; die Grazie, mitder du dich durch und durch sichtbar, dem Auge unsichtbar zu machenweißt, diese in sich gehüllete Scham und Bescheidenheit ist dein Charakter.Auch auf dem häuslichen Altare der Griechen standest du nicht anders alsunter diesem Bilde: denn nur Scham kann Liebe erwecken und zeugen. Esist ein verfehlter Charakter, wenn Aphrodite zurückblickt oder sich mitWohlgefälligkeit zeiget; ihre Schönheit ist die, daß sie, sich vor ihr selbstgleichsam und vor allem verbergend, Himmel und Erde entzückt, dem weg-schlüpfenden Tautropfen einer jungen Rose ähnlich, in dem sich die an-brechende Morgenröte spiegelt. Das bedeutet ihr Apfel, das ihre Taube;dahin hat sie der Sinn der Griechen selbst mit ihrem zu kleinen Köpfchenund was man sonst an ihr tadelte, gedichtet. Bescheidenheit und eine kunst-lose Scham, die selbst die höchste Kunst ist, sind und wecken den Liebreiz.Es gibt keine feinere Zunge dieser Wage. (Joh. Gottfr. Herder, Zur schönenLiteratur und Kunst, 1795.)
DIE NACHT UND DAS FATUMDAS ÜBER GÖTTER UND MENSCHEN HERRSCHT.
Als Jupiter einst auf den Gott des Schlafes erzürnt war, so hüllte diesendie Nacht in ihren Mantel, und Jupiter hielt seinen Zorn zurück, denn erfürchtete sich, die schnelle Nacht zu betrüben.
Es gibt also etwas, wovor die Götter selber Scheu tragen. Es ist das nächt-liche geheimnisvolle Dunkel, worin sich noch etwas über Götter und MenschenObwaltendes verhüllt, das die Begriffe der Sterblichen übersteigt.Die Nacht verbirgt, verhüllt; darum ist sie die Mutter alles Schönen sowiealles Furchtbaren. Aus ihrem Schöße wird des Tages Glanz geboren, worinalle Bildungen sich entfalten. Und sie ist auch die Mutter: des in Dunkelgehüllten Schicksals; der unerbittlichen Parzen Lachesis, Klotho und Atropos;
II