Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen
 

ihnen macht, schwankend und unbestimmt werden. Die Phantasie fliehtvor dem Grenzenlosen und Unbeschränkten; die neuen Götter siegen, dasReich der Titanen hört auf, und ihre Gestalten treten in Nebel zurück, wo-durch sie nur noch schwach hervorschimmern.

An der Stelle des Titanen Helios oder des Sonnengottes steht der ewigjunge Apoll mit Pfeil und Bogen. Unbestimmt und schwankend schimmertdas Bild vom Helios durch, und die Phantasie verwechselt in den Werkender Dichtkunst oft beide miteinander. So steht an der Stelle des alten OceanusNeptun mit seinem Dreizack und beherrscht die Fluten des Meeres.Demohngeachtet aber bleiben die alten Gottheiten noch immer ehrwürdig,denn sie waren den neueren Göttern nicht etwa wie das Verderbliche undHassenswürdige dem Wohltätigen und Guten entgegengesetzt, sondern Machtempörte sich gegen Macht, Macht siegte über Macht, und das Besiegte selbstblieb in seinem Sturze noch groß. (Karl Phil. Moritz, Götterlehre, 1701.)

JUGEND DER GÖTTER.

Der Auszug der schönsten Formen wurde gleichsam zusammengeschmolzen,und aus diesem Inbegriffe erstand wie durch eine neue geistige Zeugungeine edlere Geburt, deren höchster Begriff eine immerwährende Jugendwar, zu welcher notwendig die Betrachtung des Schönen führen mußte.Denn der Geist vernünftig denkender Wesen hat eine eingepflanzte Neigungund Begierde, sich über die Materie in die geistige Sphäre der Begriffezu erheben, und dessen wahre Zufriedenheit ist die Hervorbringung neuerund verfeinerter Ideen. Die großen Künstler der Griechen, die sichgleichsam als neue Schöpfer anzusehen hatten, ob sie gleich weniger fürden Verstand als für die Sinne arbeiteten, suchten den harten Gegenstandder Materie zu überwinden, und wenn es möglich gewesen wäre dieselbe zubegeistern: dieses edle Bestreben derselben auch in früheren Zeiten der Kunstgab Gelegenheit zu der Fabel von Pygmalions Statue. Denn durch ihre Händewurden die Gegenstände heiliger Verehrung hervorgebracht, welche, um Ehr-furcht zu erwecken, Bilder von höheren Naturen genommen zu sein scheinenmußten. Zu diesen Bildern gaben die ersten Stifter der Religion, welchesDichter waren, die hohen Begriffe, und diese gaben der Einbildung Flügel,ihr Werk über sich selbst und über das Sinnliche zu erheben. Was konntemenschlichen Begriffen von sinnlichen Gottheiten würdiger und für die Ein-bildung reizender sein, als der Zustand einer ewigen Jugend und des Früh-lings des Lebens, wovon uns selbst das Andenken in späteren Jahren fröhlichmachen kann? Dieses war dem Begriffe von der Unveränderlichkeit des gött-lichen Wesens gemäß, und ein schönes jugendliches Gewächs der Gottheiterweckte Zärtlichkeit und Liebe, welche die Seele in einen süßen Traum derEntzückung versetzen können, worin die menschliche Seligkeit besteht, die inallen Religionen gut oder übel verstanden gesucht worden. (Joh. Joach.Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums, 1776, Wiener Akad. Ausg.)