GÖTTER UND HELDEN.
So wie nun die Alten stufenweise von der menschlichen Schönheit bis andie göttliche hinaufgestiegen waren: so blieb diese Staffel der Schönheit.Neben den Göttern stehen die Helden und Heldinnen aus der Fabel,und diese sowohl als jene waren den Künstlern Vorwürfe der Schönheit. Inihren Helden, das ist: in Menschen, denen das Altertum die höchste Würdig-keit unserer Natur gab, näherten sie sich bis an die Grenzen der Gottheit,ohne dieselben zu überschreiten und den sehr feinen Unterschied zu verwischen.Battus auf Münzen von Cyrene würde durch einen einzigen Blick zärtlicherLust einen Bacchus und durch einen Zug von göttlicher Großheit einenApollo abbilden können. Minos auf Münzen von Cnossus würde ohne einenstolzen königlichen Blick einem Jupiter voll Huld und Gnade ähnlich sehen.Will man nun die Staffel, die wir von den Göttern bis zu den Helden herab-gestiegen sind, von diesen bis zu jenen wiederum hinaufsteigen auf ebendie Art, wie aus Helden Götter entstanden sind: so geschieht dieses mehrdurch Abnehmen als durch Zusetzen, das ist durch stufenweise Absonderungdesjenigen, was eckicht und von der Natur selbst stark angedeutet worden, bisdie Form dergestalt verfeinert wird, daß nur allein der Geist in derselben ge-wirkt zu haben scheint. (Joh. Joach. Winckelmann, Geschichte der Kunstdes Altertums, 1776, Wiener Akad. Ausg.)
DIE OLYMPISCHEN GÖTTER.
Wir müssen das kunstvolle Gebäude der apollinischen Kultur gleichsam Steinum Stein abtragen, bis wir die Fundamente erblicken, auf die es begründetist. Hier gewahren wir nun zuerst die herrlichen olympischen Götter-gestalten, die auf den Giebeln dieses Gebäudes stehen und deren Taten, inweithin leuchtenden Reliefs dargestellt, seine Friese zieren. Wenn unterihnen auch Apollo steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohneden Anspruch einer ersten Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirrenlassen. Derselbe Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jeneganze olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo alsVater derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedürfnis, aus dem eineso leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang?Wer mit einer anderen Religion im Herzen an diese Olympier herantrittund nun nach sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung,nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmutigund enttäuscht ihnen bald den Rücken kehren müssen. Hier erinnert nichtsan Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja triumphieren-des Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht ist, gleichviel obes gut oder böse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesemphantastischen Überschwang des Lebens stehen, um sich zu fragen, mit wel-chem Zaubertrank im Leibe diese übermütigen Menschen das Leben genossenhaben mögen, daß, wohin sie sehen, Helena, das „in süßer Sinnlichkeit schwe-bende" Idealbild ihrer eigenen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereitsrückwärts gewandten Beschauer müssen wir aber zurufen: „Geh nicht von