DAS WELTGESICHT HESIODS.
Wir wollen hier nur einmal betrachten, wie der Sänger gleich in den erstensechzehn Versen das, was man das Gerippe der Welt nennen kann, auferbaut.In der Mitte die weite große Erdfläche, darunter der Tartaros, darüber weitausgespannt der Himmel. Daß dieser erst aus der Erde entsteht, während derTartaros zugleich mit ihr da war, beruht auf dem allgemeinen Schöpfungs-gesetze, das aus dem Dunkeln, Unbestimmten Helles und Bestimmtes hervor-gehen läßt. Darum ist das Chaos das Urerste, das als die Grenze der Erschei-nung immer fortbesteht; aus ihm geht hervor, was für den Sinn des Gesichtsdie Erscheinung beständig aufhebt, die obere und die untere Nacht, welcheEpeßoq (Erebos) heißt. Aus diesen beiden blüht aber wieder, nach jenemHauptgesetze, Äther und Tag hervor, und es scheint dies, nach dem Verfolgeder Erzählung zu schließen, die erste Wirkung des schönsten Gottes, des All-bezwingers Eros, welchen die alte Dichtung, wahrscheinlich Kultusanfängebenutzend, als das wahre Weltprinzip betrachtet. Dagegen zeugt die Erdeohne Liebe aus sich die Berge und den wogenschäumenden Pontos; wo mansich gewundert hat, wie die Erde hier das Meer hervorbringen könne, da sieja erst hernach mit dem Himmel den Wassergott Okeanos erzeuge. AberPontos bedeutet das Salzmeer, das unfruchtbare, darum ohne Eros erzeugt;Hesiod denkt es sich aus den Bornen der Erde heraufstrudelnd (anders Homer),daher Uranos keinen Teil an dessen Erzeugung hat; Okeanos dagegen, derVater des Süßwassers, von dem alle Ströme und Quellen und alle Ernährungkommt, muß ein durch Liebe erzeugtes Kind des Himmels und der Erde sein.(Karl Otfr. Müller, Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie, 1825.)
DER GÖTTERKRIEG.
Daraus, daß in den mythologischen Dichtungen die Giganten den Götternentgegengesetzt werden, sieht man auch, daß die Alten den Göttern keineungeheure Größe beilegten. Das Gebildete hatte bei ihnen immer den Vorzugvor der Masse, und die ungeheuren Wesen, welche die Phantasie sich schuf,entstanden nur, um von der in die hohe Menschenbildung eingehüllten Götter-kraft besiegt zu werden und unter ihrer eigenen Unförmlichkeit zu erliegen.Gerade die Vermeidung des Ungeheuren, das edle Maß, wodurch allen ihrenBildungen die Grenzen vorgeschrieben wurden, ist ein Hauptzug in der schönenKunst der Alten, und nicht umsonst dreht sich ihre Phantasie in den ältestenDichtungen immer um die Vorstellung, daß das Unförmliche, Ungebildete, Un-begrenzte besiegt werden muß, ehe der Lauf der Dinge in sein Gleis kömmt.Die ganze Dichtung des Götterkrieges scheint sich mit auf diese Vor-stellung zu gründen. Uranos oder die weitausgebreitete Himmelswölbungließ sich noch unter keinem Bilde fassen; was die Phantasie sich dachte, warnoch zu weit ausgebreitet, unförmlich und gestaltlos; dem Uranos wurden seineeigenen Erzeugungen furchtbar, seine Kinder, die Titanen, empörten sichgegen ihn, und sein Reich entschwand in Nacht und Dunkel.Der Name der Titanen zeigt schon das weit um sich Greifende, Grenzenlosein ihrem Wesen an, wodurch die Bildungen, welche sich die Phantasie von