gesetzt haben, gar nicht aufkommen. Daher jene Nationen in ihren Religionenviel unschuldiger solche sinnliche Göttergeschichten und Bilder haben konnten,als zum Beispiel die Römer in der Kaiserzeit und als die neueren Europäer.Die Götterwelt der griechischen Bildnerei beruht auf demselben physischenGrunde. Sie führte aber von da aus beträchtlich weiter, läuterte die Phan-tasie und steigerte die religiösen Vorstellungen. Hier war eine jede Götter-gestalt ein Körpergeist. In einer schönen Individualität das eigentümlicheWesen der ganzen Art, und, sozusagen, durch die Oberfläche des leiblichenErscheinens das innere Bestehen, wie auf dem Grunde, zu erblicken, das wardas eigentümliche Bestreben des griechischen Künstlers. Damit ist ein be-deutender Fortschritt getan. In dieser plastischen Darstellung des Göttlichenward nun nicht mehr die Natur in ihren individuellsten Äußerungen genommenund als solche vergöttert. Das Einzelne mußte mehr und mehr gegen das All-gemeine zurücktreten. Was nicht zur wahren Wesenheit des Körperlichen,zum eigentlichen Sein der Menschengestalt gehörte, ward abgetan und da-hinten gelassen. Es ward als Schranke und Hindernis des wahren leiblichenDaseins erkannt. Das Gesetz selbst sollte verkörpert werden, welches diebildende Natur in der Menschenform befolgt hatte. Nicht was dem leiblichenAuge erschien, sondern was das Auge des Geistes in der Tiefe der Menschen-gestalt sah, ward vom Künstler gebildet. Es war eine Idee, die der griechischeBildner vom Körper ausgehend suchte und erstrebte. Es war ein Geistigesim Leiblichen, ein Körpergeist. Selbst die höchsten Eigenschaften der Götter,Macht, Weisheit und Güte, mußten hier einen Leib anziehen und im Sicht-baren anbetungswürdig werden.
Diese Eigenschaften schaute der Grieche auch in den Werken seiner Dichteran. Auch in den Göttergeschichten sah er sie. Götterähnlich an Kraft,Schönheit, Güte, Weisheit waren die Heroen, jene Söhne oder Abbilder dergroßen Götter. Die Heldengeschichte zeigte dem Griechen, wie diese Edlender Vorzeit kein anderes Bestreben gekannt hatten, als das Göttliche zu tun,und durch Ringen und Kämpfen der Götterwürde oder doch der nächstenEhre nach ihr teilhaftig zu werden. Ungemeine Sorge für das Vaterland,Verteidigung seiner Götter und Altäre, Einführung des Ackerbaues und desgesitteten Lebens, Stiftung von Heiligtümern, uneigennütziges Aufopfern ihrerselbst: das hatte jene Heroen ausgezeichnet, und so standen sie jedem freienGriechen als Muster vor Augen. Darin war ein fester Grund für die Moralgelegt. — Noch mehr Ethisches war in der Art, wie die Mysterien dieHeroenlehre aufgefaßt hatten, wo, wenngleich unter sinnlichen Bildern vonFeuerläuterung und dergleichen, doch der Zwiespalt im Menschen und derSieg des Besseren in den Lebensläufen vaterländischer Helden ganz allgemeinund im edelsten Sinne dargestellt ward. Es war damit eine religiöse Er-ziehung begründet, die von der entscheidendsten Lebensstufe an dem grie-chischen Manne die ehrwürdigen Gestalten einer höheren Welt beständig vor-hielt. Ein Jeder hatte Heroenberuf. Jeder sollte werden, was diese Heldengewesen. Jede Seele war aus dem Orte der Götter, und die Rückkehr dahinsollte eines Jeden vornehmste Sorge sein. (Georg Friedr. Creuzer, Symbolikund Mythologie der alten Völker, 1810/12.)