Charakterzüge großer Schriftsteller der Deutschen*),
i.- Lessing.
Er war teilnehmenden Herzens an allem, was seineÄlter» und Geschwister betraf, bereitwillig zu allen ihren Wün-schen. Es war nicht Räsonnement; bloße Natur und fast Unbe-wußtheit, anders handeln zu können. Nie war er launisch oderärgerlich, als wenn er nicht konnte, wie man wünschte; nichtgegen den Wünschende», sondern gegen sich selbst. Und so wieer Bruder war, war er auch Freund, Gatte und Vater. DieVertheidigung des Unglücklichen trieb er fast bis zur Sophiste-rey, und eine nur etwas scharfe Beurchcilung desselben schalter den lieblosesten Stolz, dessen sich rohe Eigenliebe ohneSelbsterkenntnis; schuldig machen könne. Sein gröbster Belei-diger war, in Noth, vor der geringsten Miene seines Tadelssicher. Sein Zorn oder Widerwille war dann wie abgeschnitten.Unglück war in seinen Augen ein Altar, an dem man auchden Schuldigen unangetastet lassen muß. Kurz, den Grund al-les Edlen und Geselligen hakte die Natur so tief in ihn gelegt,daß er einer von den christlichen Schwärmern zu seyn schien,welche die guten Werke sehr streng und eifrig ausüben, aberkeinen großen Werth darauf setzen. Von Seiten seines Her-zens ließe sich nichts tadeln, als ein Übermaß von Großmnth.Man hat ihn als Spieler und Verschwender ausgeschrien; erwar aber beydes im eigentlichen Verstände nicht. Er war vonJugend auf zur frugalsten Lebensart gewöhnt, und was manVergnügen der kleinen und großen'Welt nennt, erweckte ihmgar bald Überdruß und Mißbehagen. Fand man ihn aber jadarin, so war es Neugierde und Verlangen, nicht aus Be-schreibungen, sondern aus Erfahrung alles kennen zu lernen,was den geselligen Menschen betrifft. Daher sagte er einmahlzu dem Herrn von Kleist in Leipzig: Sie müssen alle Tagespazieren gehen, und ich alle Tage auf das Kaffehhaus, wenn
*) Aus Jördens Denkwürdigkeiten rc- rc.