Philosophischer und wissenschaftlicher Styl.
Über die Muße.
Von Garve.
Unter Muße verstehe ich die Lage eines Menschen, inwelcher es ihm frey steht, sein Gemüth mit demjenigen Ge-genstände zu beschäftigen, welcher ihm am besten gefallt.
Die Hauptsache bey derselben ist also, die innere Frey-heit des Geistes in Absicht der Richtung seiner Aufmerksamkeit,und des Gebrauches seiner Kräfte überhaupt.
Der Muße stehen zwey verschiedene Lebensarten entgegen:das g e sch ä f ti g e, und das zerstreute Leben. In dem er-sten sind es aufgegebene und befohlene Arbeiten, in dem an-dern sind es verabredete Vergnügungen, welche das Gemüthzu bestimmten Zeiten, auf eine von seiner freyen Wahl un-abhängige Art, fortdauernd beschäftigen. Der Hofmann, inaller seiner Herrlichkeit, hat so wenig Muße, als der Tag-lohner oder Handwerksgeselle, der für sein Brot arbeitet.Beyde stehen unter einem Herrn, beyde sind eingespannt inein Joch, unter welchem sie ihren vorgezeichneten Weg, einenTag, wie den andern, wandeln müssen.
Von der Muße ist der Müßiggang sehr weit unterschie-den. Dieser ist Unthärigkeit; jener ist die äußere Möglichkeiteiner freywilligen, selbstgewählten, also der edelsten Thätigkeil.
Es kommt aus die Stärke des freyen Geistes an, ob einegewisse Lage ihm Muße gewähren soll. Geschäfte, die deneinen Menschen zu Boden drücken, die ihn nicht srey athmenlassen, sind dem andern ein Spiel, und hindern ihn nicht,sein Nachdenken über andere Gegenstände auszubreiten, gesetzt