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4> Seneca an Lucilius.
Du hast mir deinen Brief durch einen Freund, wie duschreibst, überreichen lassen. Hernach warnest du mich, ihmnicht alles dich Betreffende mitzutheilen, weil du selbst dießnicht einmahl zu thun pflegst. In einem und demselben Briefealso behauptest und läugnest du, er sey dein Freund. Folglichhast du das gedachte Wort so in gemeiner Bedeutung gebraucht,und jenen so einen Freund genannt, wie wir alle, die sichum Ämter bewerben, gute Männer nennen; wie wir die,welche uns begegnen, wenn uns ihr Nähme nicht beysallt, mitHerr anreden. Dieß mochte hingehen: aber wenn du jemandfür deinen Freund hältst, dem du nicht eben so sehr traust, alsdir, so irrst du gewaltig und kennst zu wenig die Macht wah-rer Freundschaft. Du aber berathe dich über alles mit deinemFreunde; doch vorher über ihn selbst. Nach dem Freund-schaftsbunde muß man trauen, vor dem Freundschafts-bunde urtheilen. Die aber kehren die Ordnung der Freund-schaftspflichten um, welche erst lieben, dann urtheilen undnicht lieben, nachdem sie geurtheilt haben. Überlege lange, obdu jemand zum Freunde annehmen sollst: fandest du für gut,es zu thun, so schließe ihn von ganzem Herzen an dich an; sorede gleich dreist mit ihm, wie mit dir kalbst. Übrigens lebeso, daß du dir nichts vertrauest, als was mt auch einem Feindevertrauen könnest. Indeß, weil mitunter manches verkommt,woraus die Gewohnheit Geheimnisse gemacht hat, so theilewenigstens mit dem Freunde alle deine Sorgen, alle deineGedanken. Für treu gehalten— wird er es werden;denn viele lehren betrügen, indem sie betrogen zu werden fürch-ten, und geben durch ihren Argwohn Andern ein Recht, sichzu vergehen. Warum also irgend ein Wort vor einem Freundezurück halten? Warum mich in seinem Beyseyn nicht alleinglauben? Einige erzählen, was nur Freunden anzuvertrauenist, jedem ersten besten, und laden alles, was ihnen aus derSeele brennt, in jedermanns Ohren aus; einigen dagegengraut schon vor dem Mitwissen ihrer Lieblinge, und sic ver-