weise vermochten sich hier einige Geschlechter, offenbar durch die Natur des Berges unter-stützt, lange Zeit neben den die ganze Umgebung sich unterwerfenden Winterthurer undKiburger Grafen in ihrer Selbständigkeit zu behaupten: es sind dies die Freiherrn von Hum-likon, Radegg, Teufen und Wart.
Düstern Blickes schaut der Irchel gegen Mitternacht; gegen Mittag und Abend zeigter aber ein freundliches Gesicht. Die rebenbckleidete Ostseite dacht sich sanft gegen dasbehagliche Dorf Neftenbach ab. Abendwärts von diesem Orte gegen Dättlikon hin befindetsich eine muldenförmige Berglehne, die, gegen Südost gekehrt, sehr sonnig und nordwind-geschützt ist. Da liegt im kostbaren Wcingelände die weithin schauende Villa Wart, undnur wenige hundert Schritte davon erhebt sich aus den Fluten der Töss, über der Wurmets-halde, früher Wunipertshalde genannt, ein kegelförmiger Vorhügel, der mit schattigen Wald-bäumen gekrönt ist. Hier stand, dem Brunnen des heiligen Pirminius gegenüber, die Stamm-burg des freiherrlichen Geschlechtes Wart.
Der Besucher, der nur oberflächlichen Blickes die Burgstelle besichtigt, urteilt leicht,die Lage des Schlosses habe wenig Sicherheit geboten; deshalb sei die Feste von wenigBedeutung gewesen. Es ist aber zu berücksichtigen, dass im Mittelalter der Weg von Neften-bach nach Dättlikon, Freienstein und Teufen nicht wie jetzt unten längs der Töss, sondernhier oben vorbeiführte. Gerade bei dem Burghügel biegt die Strasse, die aus alter Zeit her-stammt, scharf gegen Nordwesten ab und bildet einen kleinen Engpass, so dass mit einemTor die Verbindung gehemmt werden konnte; die Sicherheit des Verkehrs lag somit voll-ständig in der Macht des daneben hausenden Burgherrn. Können die Ansichten über dieWichtigkeit der Burg auseinander gehen, so sind sie darin einig, dass die Feste einen sehrzutreffenden Namen besass: Wart = Ausspähpunkt. Wer je den Hügel betritt, wird erstauntsein, an welch' herrlicher Aussicht in die Nähe und Ferne das Auge sieht labt. Auch Erz-herzog Karl von Ostreich, der 1799 der Stätte, von welcher einst seinem Geschlechte schweresLeid zugefügt worden war, einen Besuch machte, war entzückt über den Ausblick in dielieblichen Gefilde.
Die Bedeutung der Wart wurde dadurch erhöht, dass auch das auf der linken Seiteder Töss liegende Gebiet in den Händen der Freiherrn lag. Am Fusse der kahlen Riesiwanddes Eigelhard stand zu Pfungen neben dem weithin schimmernden Kirchlein der dickgemauerteTurm mit Angcbäude, das die Wart der Sage nach als Gefängnis und „Hundehaus" benutzthaben sollen. 1 ) Zur weitern Machtentwicklung erbauten die Freiherrn auf dem nahen, steilenMultberg eine starke Burg und beherrschten somit auch die Strasse links an der Töss, diein späterer Zeit sehr berüchtigte Kohlschwärze. Die drei Festen hatten aber nicht nur diebeiden Verkehrsadern von Winterthur ins untere Tösstal und an den Rhein in ihrer Gewalt,sondern auch deren Seitenzugänge von Hettlingen-Seuzach über Neftenbach und von Pfungenins Rumstal nach Oberembrach-Lufingen. Vom strategischen Standpunkte aus waren somitdie Burgstellen vortrefflich ausgewählt; dies bewahrheitet auch die neueste Geschichte: dieKämpfe der Franzosen und Üstreicher in dieser Gegend.
Die Freiherrn von Wart gelangten nie zu der Machtfülle der verwandten Freien vonRegensberg; aber aus ihrem Geschlechte gingen Männer hervor, die in der Geschichte desengern und weitern Vaterlandes eine bedeutende Rolle spielten, so dass es sich wohl derMühe lohnt und auch viel Reiz gewährt, die Geschichte dieser adeligen Familie vom Ursprungbis zum Erlöschen zu verfolgen. Dazu kommt, dass in Chroniken, in Lehr- und Lesebüchern,
') Stumpf, Ausgabe 1547 S. 114.