28 Die gehobene Stadtschule.
7. Gürtlers Ausgabe ciceronischer Briefe (1506).
In der Grammatik hatte auch Gürtler mehrfach auf die BriefeCiceros verwiesen. Diese waren damals meist nur in großen Aus-gaben mit weitläufigen Kommentaren verbreitet. Daher faßteGürtler schon 1505 den Entschluß, eine Schulausgabe der „Epistolaefamiliäres" zu veranstalten. Er wählte kurze und instruktive Briefeaus und versah sie mit knappen Argumenten, die er übrigens teil-weise seinen Vorlagen entnahm. Vom Mai 1505 datiert die Wid-mung an den Leser, und noch in demselben Jahre wurde das Buchvon Konrad ßaumgarten in Breslau gedruckt. 1 )
In der Widmung ermahnt er mit dem Kommentator der Briefe,Hubertinus Clericus Crescentinas, die Knaben und Jünglinge, siesollten den Studien der Beredsamkeit, die den Menschen sehr hohenKuhm bringe, mit allen Kräften obliegen und die Anfänge dazugerade diesen Briefen entnehmen. Diese sollten sie Tag und Nachtlesen, lernen und nachahmen, sich in ihnen üben, sich an ihnenergötzen. Dann möchten sie die größeren Briefe und die nichtweniger gelehrten als eleganten andern Bücher aufschlagen undendlich auch andere bewährte Autoren der römischen Sprache.Doch sollten sie diese so lesen, daß sie den einen Cicero zumBannerträger oder vielmehr zum Führer einsetzten, um ihm zufolgen, ihm nachzuahmen und sich nach ihm zu richten. So würdensie in dieser Sache als Hochgelehrte hervorgehen, „quod nos illiusiuuentutis praeeeptores ita fieri curabimus". Selbst die späterenCiceronianer strengster Observanz, ein Petrus Bembus und einChristophorus Longolius, hätten nicht begeisterter über Ciceroschreiben können. Und das war 1505! Die letzten Worte Gürtlerszeigen, daß die Briöfe nicht nur für Privatlektüre, sondern auchzur Behandlung in der Schule bestimmt waren. Unter den bewährtenAutoren hat man auch Terenz zu verstehen; doch fehlt für seineVerwendung in Goldberg, nicht unter den Autoritäten Gürtlers inder Grammatik, vorläufig jede Spur. Gürtlers Freund Corvinushatte ihn schon früher bei St. Elisabeth in Breslau gebraucht. 2 )
Wenn der Ausgabe auch kein Originalwert zukommt, so ent-sprach sie doch den Bedürfnissen vieler. Für Goldberg wurde
') Cicero, M. Tullius, Epistole familiäres atque breuiores Adolescentibusquoque magis utiles ex toto epistolarum eius volumine, tanquam ex eloquentiefönte studiose collecte. (Impr. wratislavie apud Conradum Baumgarten 1505.)Aiij-Hiiij. 4» [Ex.: Breslau, U.-B.].
*) Bauch, Schulwesen S. 234/5.