Nachweis gegeben haben. Was bei einem der beleuchteten Fälleerkannt ist, wird den andern zu Statten kommen. Die letzte Be-weisführung ist doch nicht hier, sondern in der Musikwissenschaftzu geben; für die künstlerische Anschauung genügt aber hoffentlichdas hier Angedeutete.
Die Liedform in freier Anwendung auf Gesang.
Zu Seite 439.
Im Lehrgang ist nur vom eigentlichen Liede zu reden gewesen,das in der Regel Gedichte von mehrern Versen zur Aufgabe bat.Nicht selten wird aber die Liedform auch auf Gedichte angewendet,die nicht in mehrere Verse zerfallen, oder deren Verse zu einereinzigen unzertheilten Masse zusammengezogen werden. Dannfällt die Schwierigkeit — oder streng genommen Unmöglichkeit —hinweg, einem durch versehiedne Verse fortschreitenden Gedicht,einer von' Vers zu Vers sich mehr oder weniger verwandelndenStimmung durch eine einzige enggeschlossne' Komposition zu genü-gen. Dann wird es erreichbarer, neben der allgemeinen Stim-mung auch dem Einzelnen genügenden Ausdruck zu verleiben; wirsagen: erreichbarer, — denn zum vollen Genügen wird es meistumfassenderer Formen bedürfen, von denen erst im zehnten Buchedie Rede sein kann.
Niemand ist in dieser Hinsicht Tieferes und Merkwürdigeresgegönut worden, als Gluck, der besonders in der aulidischen Iphi-genie schon um des raschen, dramatischen Fortschritts willen meh-rern Arien Liedform gegeben hat. ln solcher Form spricht sichjener flüchtige Augenblick des Glücks und der Milde (S. 401) aus,den Klytemnästra vor uns erlebt; in ihr werden Nebenmomenle derHandlung, z. B. die Preisgesänge auf Achill, l'indomptable lion undson front est couronne, — ohne den dramatischen Einherschrittirgend zu beschweren — zu schnelllrelfender Macht erhoben, dassmit einem einzigen Zug ein ganzer Karakter, ein volllebendigerZustand des Menschen vor unser erstauntes Auge springt. Es wardas einzige Mittel, in dem nicht durchaus günstig angelegten Dramadie Heldengrösse Achills und seine Bedeutung für Volk und Heerder Hellenen — ohne die das Ganze entscheidunglos fiel — scharfund rasch genug in das Licht zu stellen.
In der Beilage II geben wir ein solches Lied: den ersten Ab-schied Iphigeniens von Achill. Iphigenie hat sich nicht blos in kind-