I. Vorbemerkung.
Der Gegenstand dieses Buches ist in mehrfacher Hinsicht vonvorzüglicher Wichtigkeit.
Die Gesangkomposition ist die eine Hälfte unsrer Musik, undzwar diejenige, welcher die umfassendsten Kunstaufgaben,das Oratorium und die Oper, angehören.
Sie ist zugleich als die ursprüngliche Musik, als diedem Menschen eigenste und treueste anzuselm; denn sie istnicht bloss wie alle Kunst Erzeugniss seines Geistes, sondern auchin der Ausführung — folglich im voremplindenden Sinne des Künst-lers gleichermassen — unmittelbare und reine, durch keine Ein-mischung fremder äusserer Werkzeuge zerstreute und getrübteAeusserung des Lebensorganismus selber. Darum empfinden wirin ihr am tiefsten und können an ihr sicher treffende Beobachtun-gen und Erfahrungen über das innerste Wesen aller Musik über-haupt sammeln, die zu unsrer höchsten Ausbildung nöthig, auch inunsrer rein instrumentalen Kunstthäligkeit, richtig verwendet, vomwichtigsten Einflüsse sind.
Endlich schliesst sich auf ihrem Gebiete der Bund zwischenMusik und Sprache, Tonkunst und Dichtkunst. Hiermit ver-doppelt sich zunächst Kraft und Keichthum des Künstlers, erwächstihm aber zu gleicher Zeit die Pflicht, sich auch in dem neuen ver-wandtschaftlichen Gebiet einheimisch zu machen, damit ihm nichtder Angewinn zur Belästigung und Hemmniss werde, statt zur För-derung und Kräftigung. Sodann aber werden ihm durch den Zutrittdes heller bewussten Geistes in der Sprache Einsichten in die eigneKunst eröffnet oder bestätigt, die er in dem verhülltem Wesen derMusik gar nicht oder nicht mit gleicher Sicherheit gewinnen könnte.
Aus diesen Gründen muss ernstlichst ausgesprochen werden,dass ohne tiefes Studium der Gesangmusik die Bildung des Künst-lers nicht nur unvollständig und einseitig, wie bei jeder Lückenhaf-tigkeit (Th. I, S. 13) bleiben, sondern auch der tiefsten Begründungund Befestigung entbehren würde. Wer nicht singen kann, —gleichviel ob mit schöner oder weniger schöner Stimme, ob mitSängerfertigkeit (Bravour) oder nicht, — wer nicht mit vollemAnlheil der Seele singt oder gesungen hat: dem kann Voll-endung in der Musik schwerlich zu Th eil werden; oder,