Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
386
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Zweite Abtlieiliuig.

Das Rezitativ.

Erster Abschnitt.

Allgemeiner Anblick der Form.

Wir haben schon jenen Gegensatz in das Auge gefasst:

Das Wort (die Sprache) kann ganz ungeeignet sein, in Musiküberzugehn, oder es kann durchaus dazu geeignet, durch-aus musikeigen sein.

Das Letztere äst der Fall, wenn sich im Worte nach Inhalt undForm bestimmt und genügend ein Moment des Seelenlebens, dasMusik werden kann, ausspricht.

Ist dies der Fall, ist ein solcher Moment bestimmt und in ge-eigneter Form ausgesprochen, so muss ihm naturnolhwendig auchbestimmte Form in der Musik entsprechen, die Musik muss Satz,Periode, Lied werden, oder irgend eine zusammengesetzte,aber bestimmte und festabgeschlossne Gestalt haben.

Nun ist aber ein Mittelfall und zwar in mancherlei Weisen möglich. Es kann ein Text sich aus der Sphäre der natürlichenSprache in die der Musik erheben, aber noch nicht zu fester Mu-sikform hinführen, mithin eine Form hervorrufen, die zwischender Weise der Sprache und der Musik mitten innesteht.

Dies ist die Form des Rezitativs. Sie wird also eben-falls durch die Weise des Textes bedingt.

Ein Text kann nämlich erstens über die Sphäre des Nicht-musikalischen hinausgehn, er kann musikalisch angeregt, erregtsein; aber die Anregung ist nicht kräftig oder bestimmt genug, umbestimmte, feste Musikform hervorzurufen. Wenn z. B. im Evan-gelium des Lukas die Geburt Christi verkündigt ist und die Er-zählung (2, 13) fortgeht,

Uod alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heer-schaaren, die lobeten Gotl, und sprachen:

so ist hier so freudige Erregung durch die Botschaft und in derErwartung des himmlischen Lobgesangs erweckt, dass man in dieSaiten greifen und die Rede in Gesang überführen möchte. Aber