Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
615
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Noch einmal das Rezitativ.

Zu Seite 419.

Am Schluss der Lehre vom Rezitativ könnte wohl die Frage ent-stehn, ob nicht der Hauptsatz derselben: man habe die Sprachein ihren Accenten der Schwere und Leichte, Länge und Kürze, undbesonders in ihrem Tonfall zu beobachten, noch einer Nachhülfevon bestimmten Vorschriften, wie man sich in dem oder jenem be-sondern Redefall zu benehmen habe, fähig und bedürftig sei? In derThal sind dergleichen Vorschriften für besondre Fälle, z. B. wieman eine Frage, oder eine Ausrufung musikalisch ausdrücken könne? von älLern Lehrern gegeben worden; in Beethovens Studien(von Seyfried bei Haslinger, in neuer Auflage bei Schuberth undComp, in Hamburg herausgegeben) finden sich zu dergleichen Auf-gaben förmliche Rezepte von Seiten seines fleissigen Lehrers Al-brechtsberger.

Uns muss schon der Versuch solcher Lehrweise oder Hülfs-leistung als Fehlgriff erscheinen. Je Leiter er geführt wird, dasheisst: je mehr Redefälle unter Vorschrift und Formel gebracht wer-den, desto mehr Boden wird der schöpferischen Thätigkeil des Kom-ponisten entzogen; so weil die Formeln reichen, so weit komponirter gar nicht, sondern trägt fremde Ausdrücke zusammen, etwawie Jemand, der sich in einer fremden Sprache ausdrücken soll,aus Lexikon und Grammatik Redensarten zusammensucht, die nichtseine eigne, nicht die Sprache seines Geistes sind. Nun aber istes obenein ganz unausführbar, für alle möglichen Fälle die treffen-den Ausdrücke vorauszusehn; wie viel kann z. B. gefragt wer-den? und wie vielfach verschieden nach Sinn und Stimmung kanndieselbe Frage auszusprechen, zu betonen sein? Trotz aller Formelnwird da der Komponist doch aus eignem Gefühl und nach eignerAuffassung reden müssen. Und endlich, wenn er wirklich einigetreffende Redensarten aufgelesen, wer hilft ihm im Uebrigen?

Von diesem wohl ohne Weiteres zuzugebenden Satze von derUnmöglichkeit, der Rede durch Formeln künstlerische Belebungzu verleihn, wenden wir uns an ein Werk und eine Rolle da-rin, die in überraschender Weise den reichsten Belag dazu geben.Es ist die Matlhäische Passion von Seb. Bach*) und in derselbendie Rolle des Evangelisten. Bach nimmt bekanntlich in seinemWerke die Leidensgeschichte, das 26. und 27. Kapitel, aus dem

*) In Partitur und Klavierauszug; bei Schlesinger in Berlin, jetzt auch inder Gesammtausgabe Bachscber Werke, bei Breitkopf und Härtel herausgege-ben, ein unentbehrliches Werk für jeden Tieferstrebenden.