Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
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wenig Anlass finden konnten, dem Rezitativ tiefere Gerechtigkeitund Weihe, als es unter solchen Umständen zu fodern hatte, zu er-theilen. Wer die in Deutschland gewöhnlich und wohl mit Rechtausbleibenden Rezitative*) zum Don Juan unbefangen prüft, erkenntgewiss die leichtere Behandlung der überwiegenden Masse in Ver-gleich zu jenen glücklichem Momenten, die Mozarts tiefere Theil-nahme foderten und zuliessen. War einmal die Anlage des Ganzenund der Text des Rezitativs von solcher Beschaffenheit, so würdeder Komponist zweckwidrig und unwahr geschrieben haben, hätteer mehr gegeben.

Diese abferligende Weise ist nun seit länger als einem halbenJahrhundert unter den Sängern (und noch mehr unter den Sänge-rinnen) eingewurzelt. Entweder wird das Rezitativ eintönig undschnellabfertigend hingeplaudert um nicht zu sagen, hingeplappert(wie man an unsern italischen und französischen Zeitgenossen beob-achten kann), oder man trägt eine dunkle Vorstellung von der tiefemBedeutsamkeit der Musik und das schulmässige Bestreben, ja jedenTon recht scalagerecht auszumünzen, hinein und verfällt in eine ebenso eintönige als schwerfällige, unbewegsam psalmodirende Singweise.Diese letztere ist mehr in Deutschland verbreitet und macht sich be-sonders bei dem Vortrag in Oratorien und Kirchenmusiken fühlbar,also gerade da, wo das Rezitativ im bedeutendem Text und derFreiheit von scenischen Rücksichten zu liefern Aeusserungen geeig-net ist. Dass eine freie, lebendige und stets wahre, nach dem Sinudes Textes und der Situation bald weilende oder nachdrückliche, baldbeflügelte Sprache die Grundlage, das eigentliche Wesen des Rezi-tativs ist, wird auf beiden Abwegen vergessen.

Hierzu gesellt sich ein Drittes. Die Kantilene des Rezitativskann als reiner Ausdruck des Worts nicht die Reize einer reinmu-sikalisch ausgestaltelen Melodie haben; sie bat dafür ihre eignen inder Wahrhaftigkeit des Redeausdrucks beruhenden. Wird das nunvergessen, ist es vielleicht schon vom Komponisten ausser Acht ge-lassen worden: so wird der Sänger im Rezitativ durch manche Ein-förmigkeit oder Schroffheit der Tonfolge gereizt, dieser abzuhelfen.So sind jene allverbreitelen und überall sich eindrängenden soge-nannten Hülfsnoten entstanden, ITülfstöne von oben, durch diedas Rezitativ abgesehli(liier und tonbeweglicher werden soll, dieaber bei ihrer überhäufigen Anwendung nur eine neue und weich-liche Eintönigkeit über ;das Ganze verbreiten und gar oft bedeut-same Züge verwischen. Man nehme an, ein Rezitativ hätte diesenGang:

) Sie finden sich in der ßreiikopf-Härterschen Partilurausgabe.