-- 605 -
Gestaltenfülle in ihrer Einheit und Tiefsinnigkeit aufgewiesen, istnicht mehr erlaubt, das zu verhehlen oder zu verkürzen. Man ver-leugnet damit den Geist der Kunst selber und seinen Künstler- oderLehrerberuf.
Die Bildung für Kunst beruht wesentlich und zum grossen Theilauf Einführung und Feststellung in den Formen und ihrem Geist;ohne Formerkenntniss bleibt jedes Werk und jeder Satz ein unbe-stimmt Etwas, wie die Natur uns ein Chaos bleibt, wenn w'ir nichtihre versehiednen Reiche, Gattungen, Arten sondern gelernt. Form-verständniss giebt dem Zuhörer gesicherte Sachversländniss, demVortragenden klare Auffassung. Für den Komponisten ist sieschlechthin Bedingung seiner Aufgabe, ohne deren Erfüllung diesegar nicht gelöst werden kann; der roheste Naturalist, der Wild-ling, der jede Form als Fessel flieht, weil er nicht in ihr heimischist: sie bilden sich nothgedrungen, aus kläglich lückenhafter
Erinnerung, so gut es gehn will, ihre Form, — und sind ihr, siewissen nicht wie, verfallen, können nicht von ihr los. Denn aller-dings ist jede einzelne Form eine Fessel für alle Gedanken undVorwürfe, denen sie nicht von innen heraus eignet; erst der Be-sitz aller Formen, — dies Werk hat S. 336 und sonst schon oftdarauf hingewiesen, — macht frei.
Hier zeigt sich neben der bewundernswürdigen Herrlichkeit derFormeutwickelung der erste Grund, sie vollständig zu geben; un-vollständige Formentwickelung verkümmert nicht blos den Begriffder Kunst, sie macht auch unfrei, indem sie in eine oder wenig For-men einsperrt, die zum Gelangniss werden für alle anderswohin.strebende Gedanken. Man denke sich (wie neuerdings versuchtworden) die Rondoformen auf eine einzige zusammengeworfen, dieSonatenform an einem einzigen Schema oder Beispiel gewiesen:wie eng wird die weile Welt! wie eintönig beschränkt oder ver-hehlt und veruntreut der heitre Reichthum ihrer Gestalten! wiewerden die nach allen Seiten Luft und Wachsthum nach ihrerWeise begehrenden Gedanken des Schülers gedrückt und gestossenund im Prokrustesbett räuberischer Gewaltsamkeit bald ausgerenkl,bald verschnitten ! Zwar kann keine Lehre, — dazu mangelt Zeit undNothwendigkeit, und jeder Tag bringt Zuwachs, — alle möglichenGestalten aufweisen und durcharbeiten; aber eine gewissenhafteLehre muss freigebig, ja reichlich mittheilen, muss vor allem diewesentlichen Gattungen und Arten vollständig darslellen und demJünger alle Wege zu weiterm Fortschreiten öffnen und weisen,wenn sie ihn nicht umdüstern und verkümmern, oder irgendwo be-liebig im Stiche lassen will. Geizt sie um einige Wochen oderBogen, wird sie aus Besorgniss, zu ausführlich und zu breit zuwerden (was allerdings auch nicht ralhsam ist), allzuknapp und