603
Form und Formlehre.
Zu Seite 319.
Am Schlüsse der Formenlehre (nach ihrem wesentlichen In-halte) ziemt sich wohl eine letzte Prüfung des Wesens von
Form und Formlehre,
wie beide dem Beobachter unsrer Kunst erscheinen und dieses Werksie darzulegen trachtet. Mag auch Vieles von dem hier Auszu-sprechenden im Werke schon hin und wieder angeregt sein, Ande-res ist es nicht, — und neuere Abirrungen von Seiten sonst gewissachlungswürdiger Kunst- und Lehrgenossen erinnern daran, dassman nicht müde werden darf im Dienste der Wahrheit, da Miss-verstand und Fahrlässigkeit auch nicht müde werden, stets wieder-zukehren.
Diese Betrachtungen sind noch aus einem besondern Grund’ ander Zeit. Der Musik ist Form und Formlehre wichtiger als jederandern Kunst, weil sie sich nicht so schnell und bestimmt aus-sprechen kann, wie die andern ; man zerrütte ihr die Formen, undsie wird unverständlich; man entzieh’ ihr den Reichthum der Form-enlwickelung, und sie versumpft. Daher hat sich der Fortschrittstets durch vernunflgemässe Fortentwickelung der Formen bezeich-net, die Beschränktheit stets durch Einsperren in wenig Formen,der Mangel an Durchbildung stets durch Unbeachtetlassen der tiefenVernunftgesetze, die der Form zum Grunde liegen. Wenn Künst-ler fehlgreifen, so mag das im Rausche der schöpferischen Stunde,selbst (wie bei unsern Zukunftsgiganlen von pariser Faktur) in demallerdings künstlerischen Drange, Neues zu schaffen, Erklärung lin-den. Womit aber wollen sich Lehrer rechtfertigen, die die Beson-nenheit im Gesammtleben der Kunst, das klar Alles überblickendeBewusstsein vertreten, und durch nichts, was sie nicht meidenkönnten, darin gestört sind? Dem Künstler im Schaffensdrangeziemt jener Zug zum Ursprünglichen und Ureignen, — vers Finconnu!nennt esabentheuernd derFranzos. Injenen Momenten kann er nicht zu-rückblicken auf den Zusammenhang der Kunstentwickelung und aufdas ihm Vorangegangne; da ist er nur er selber, ganz und einzigseinem Werke dahingegeben. Was ihm zu betrachten, zu lernen,zu üben nöthig, muss zuvor abgethan sein, — und dazu alleinkann und muss Lehrer und Vorbild verhelfen. Dem Lehrer da-gegen ist jener Zusammenhang, die stetige Vernunftentwickelung,