jetzt allenthalben fühlbar macht: Haydn musste sich zu einerFürsorge für die Haltung und Fassbarkeit seiner Kompositionen be-wogen finden, die unsrer Zeit in gleichem Grade keineswegs noth-wendig, die jetzt überflüssig, lästig, hemmend erscheinen müsste.
Erheben wir uns über die kleinen Unterschiede der Personenund Jahrzehnte, betrachten wir die Kunst als ein einiges, in Allenfortlebendes Ganze, so dürfen wir sagen: die Musik ist zu festemBewusstsein ihres Inhalts, zu grösserer Sicherheit und Gewissheitihres Gestaltens gelangt und hat damit das Recht und die Pflichteines entschiednern ungehemmtem Einhergangs erworben. Sie bildetin einem Beethoven den Hauptsatz der Sonate mit voller Ent-schiedenheit und zu hoher Befriedigung aus, um dann mit gleicherEntschiedenheit ihn ganz verlassen und zum Seitensalz übergehn zukönnen, der nun erst Freiheit gewonnen hat, sich ebenfalls in allerFülle und Ungestörtheit zu entfalten; dies konnte und durfte gesehehn,nachdem die sorglichere Zusammenfassung um einen einigen Kern-satz herum in Haydn erst die schnellere und sicherere Verständnissim Schaffenden und Empfangenden erzogen hatte.
Von diesem Gesichtspunkt aus, der bei verschiednen Zeitab-schnitten, z. B. dem von Haydn und dem von Beethoven ver-tretnen, die Einheit der Grundform und die Berechtigung der Ab-weichungen oder Fortbildungen in Einem Blicke zusammenfassenlässt: kann auch der Missverstand beurtheilt und überwunden wer-den, den die nicht fortschreitenden Anhänger einer frühem Periodegegen den fortschreitenden Künstler erheben, als sei derselbe derForm untreu, formlos, exzentrisch, phantastisch u. s. w. geworden;Vorwürfe, die so oft, und noch in neuester Zeit gegen Beethovengehört worden sind. Vielmehr ist auch auf den Künstler, in demsich ein Fortschritt der Kunst verwirklicht, jenes ewige Wort deswahren Fortschritts anzuwenden: ,,lch bin nicht gekommen,
das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen“.
In der richtigen Erkenntniss dieses Wortes ist die wahre Frei-heit, die gleichmässige Sicherung gegen Erstarrung und Haltungs-losigkeit, zu gewinnen. Schon die frühem Abschnitte unsrer Lehrehaben auf dieses Gnundthema jeder wahren Kunsllehre, auf dieseFreiheit, die nichts Andres ist, als das Wirken in der Ver-nunft der Sache, die Lebensbedingung für den Künst-ler, stets hingewiesen. —
Der obige Fall ist insofern eins der entschiedensten Beispielefür die ältere Form und ihre Vernünftigkeit, weil der Beschluss,die Partie des Seitensatzes mit dem Kern des Hauptsatzes einzu-leilen, auf die ganze fernere Entwickelung fortgewirkt hat. Eserscheint nun, wie gesagt, jener Kern nochmals als Schluss des