Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
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ohne die klare Erkenntniss von seiner Unhaltbarkeit oder Verbes-serungsbedürftigkeit ändern oder gar fallen lassen. Wer darüberhinausgeht, wer ohne Noth nur etwa um vermeintlich Besseresoder Schöneres zu gewinnen umhersucht und den ersten Ab-druck seiner Stimmung und Anschauung, die niemals unverändertwiederkehren, verlässt: der findet sich selten wieder zur Einheitdessen, was er eigentlich gewollt, oder überhaupt zu einheitvol-ler Vollendung zurecht, und gewöhnt sicli in jene Zweifelmüthig-keit, vor der oben gewarnt worden. Ein nachdenklich Beispiel imGrossen giebt für den Kenner Beethovens Umarbeitung seinerOper Leonore in die jetzige, Fidelio genannte Gestalt derselben.Einmal vom ersten Weg ablenkend hat er es bis zu vier Ouvertü-ren gebracht, und man dürfte schwerlich die folgenden (besondersdie letzte, jetzt feststehende) der ersten vorziehn, noch weniger dasjetzige Duett:0 namenlose Freude der ersten Gestalt desselben,und so noch Andres. Dagegen ist nicht zu verkennen, dass inandern Fällen (z. B. bei der Umgestaltung des Scherzo in der^dur-Symphonie) wesentliche Aenderungen auf das Glücklichstevorgenommen worden sind. Hier folgte Beethoven seiner reinkünstlerischen Ueberzeugung; dort suchte er der Rücksicht aufBühnengewohnheit genugzuthuu, die allerdings auch ihr Rechthat, aber schon im Entwurf oder vielmehr vor seinem Beginn mitin Rechnung kommen muss.

Einen wunderlichen Rath giebt ein neueres Lehrbuch: NachErfindung der Hauptgedanken soll der Schüler den ersten Abschnittaus seiner Skizze (es ist damit die Aufsammlung der einzelnenGedanken oder Themate gemeint, also er soll den ersten Ge-danken) zum Thema nehmen und ihn möglichst viele Mal immer andersdarzustellen suchen. Es werden 10 Beispiele gegeben und dazuwird (ganz richtig) bemerkt, dass noch hundert und aber hundertneue Gestaltungen daraus zu ziehen wären. So soll der Schülerjeden Abschnitt (Gedanken) für sich so lange, als ihm noch Ver-änderungen beifallen, umwandeln. Macht er 20 Veränderungen, istes gut, macht er 40, 50, ist es noch besser. Dann soll er ausdiesen mannigfaltigen Skizzen die besten Modelle wählen.

So gründlich und bildend dies Verfahren dem in der KunstFremden (eine Bezeichnung, die durchaus nicht etwa anf den das-selbe Vorschlagenden zu beziehn ist) auf den ersten Hinblick er-scheinen könnte, so widerkünstlerisch und irreleitend ist es in derThat.

Schon die Voraussetzung, dass zuvörderst ,,die Hauptgedankenerfunden werden müssten, ist verfänglich. Es kann sein und ist(wie z. B. Beethovens Skizzenbücher allerdings zeigen) bis-weilen oder öfter geschehn, dass Künstler einzelne (vielleicht alle)