572
Die Formbeweglichkeit der Homophonie.
Zu Seite 104.
In allen Formen, die ganz oder vorzugsweise der Homophonieangehören, wird man grössere Freiheit und Mannigfaltigkeit in derGestaltung, als in den polyphonen Arbeiten beobachten können.Diese Bemerkung trifft die Rondoformen, dann aber auch die So-natenformen.
Woher dies? — Die Ursachen scheinen folgende zu sein.
Die polyphonen Formen , — besonders die vornehmste dersel-ben, die Fuge, — dienen einem in jedem Moment reichen Inhalte,beschäftigen in jedem Momente mehrseitig, stellen durchaus zweioder mehr selbständige Melodien auf, deren jede gleichzeitig mit derandern und in ihrem Gegensätze zu der oder den andern gehörtsein wollen, die als handelnde und redende Personen eines Drama’sauftreten. Der Komponist selber (Th. II, S. 143) wie nach ihm dertiefer teilnehmende Hörer sind von der Dramatik und dem Gewichtjedes Momentes hingenommen, und so kommt entschieden mehr aufdie Aufstellung dieses Inhalts als auf seine äussere Anordnung an;die Anordnung dient vorzüglich, ihn klar und wirkungsvoll vorüber-führen zu können. Daher findet man, dass die inhallvollsten Sätze(wie z. B. der erste Chor in Seb. Bach’s hoher Messe, die mei-sten Sätze aus dessen Kunst der Fuge und viele andre Fugen desMeisters) oft in der einfachsten Aussengestalt, z. B. mit einer fastgar nicht vom Hauptton loslassenden Modulation auftreten. DerKomponist findet die Kraft nicht in der Aufeinanderfolge, son-dern in der Inhalts tiefe der Sätze.
Ein in gewisser Hinsicht umgekehrtes Verhältniss zeigt sichin der homophonen Komposition. Hier ist offenbar nicht die Tiefedes einzelnen Moments oder Satzes, sondern die Aufeinanderfolgeverschiedner, oft zahlreicher Sätze das Vorherrschende; nicht Me-lodie gegen Melodie will walten und wirken, sondern Melo-die nach Melodie; es sind nicht dramatische Personen, die ge-gen einander auftreten und vielseitig anzichn und fesseln möchten,sondern es ist die eine Person, die aus der Hauptstimme zu unsspricht, uns eine Folge von Eröffnungen zu machen hat, uns alsoauf das Fortschreiten hinweiset, so dass dieses und seine Weise,wie die ganze Anordnung der Mitteilung erhöhte Wichtigkeit ge-winnen. — In den gehaltvollem Kompositionen der Rondo- undSonatenlorm wird sich allerdings gewöhnlich eine Einmischung oderAnnäherung von Polyphonie zeigen, so dass der oben bezeichneteUnterschied nicht in seiner Nacktheit und Absolutheit herauslritl.