Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
555
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die Phantasie, in seinen Klängen andre zu vernehmen; daher wer-den öfters gerade die tiefsten Geister über die Schranke desselbenhinausgeführt.

Dies ist namentlich bei Beethoven unverkennbar. Unvorher-gesehn geht er in seinen Klavierwerken öfters orchestralen Vor-stellungen nach (z. B. in seiner ^sdur-Sonate in den Variationen,oder in der Sonate ,,Les Adieux), oder es wollen die instru-mentalen Weisen zu wirklichem Gesang, zu gesprochnem Wortesich hinüberringen, z. B. in der As dur-Sonate, Op. 110, und inder D moll-Sonate. Gleiches haben Andre vor ihm und nach ihmerfahren, z. B. Seb. Bach in der chromatischen Fantasie, undRob. Schumann im alla burla seiner moll-Sonate, magauch das letztere mehr burlesker Laune entsprungen sein, als tie-fern Antrieben.

Alle diese Wege und Abwege kann die Lehre nicht beschwei-gen oder verhehlen; sie muss sie erleuchten, den Jünger da bera-then, wo bald Beispiel, bald Bequemlichkeit oder innere Verlockungihn zu verleiten bereit sind.

Das Geistige dem herkömmlichen Technischen opfern oder nach-stellen, wird kein geistig Erweckter über sich gewinnen, oder erwird das Bewusstsein der Untreue gegen den eignen Geist alsStrafe tragen müssen. Ein solcher Abfall ist in denen, die unsbis hierher anhänglich geblieben, nicht vorauszusehn. Eben so sicherist zu erwarten, dass die männliche Arbeit, die wir vom Anbeginndem Jünger nichts weniger als ersparen mögen, ihn auch jetzt vorleben- und saftlosem Träumen bewahren werde.

Wie jenes Hinüberlangen vom Klavier in andre Regionen derKunstwelt vollkommen berechtigt sein kann und öfters schon gewe-sen ist, haben wir nicht verhehlt. Gleichwohl sollte der Lehrer demnoch nicht bis zur Freiheit durchgebildeten Jünger, und dieser sichselber hier Schranken setzen, weil auf diesem Standpunkte die Ge-fahr grösser ist, als der etwaige Gewinn. Nur was im Bereichedes Kunstwerks und seines Elements ausgesprochen worden ist,kann Anerkennung fodern, was darüber hinausliegt, mag sie hoffenund bisweilen gewinnen, fällt aber leicht in den Bereich des blosneben dem Kunstwerke Gedachten , das also nur im Bildner, nichtin Wirklichkeit besteht.

Das rechte Sichcrungsmittel gegen solche Verirrung ist tiefesund bewusstvolles Studium des Instruments, das unsersGeistes Organ zu sein bestimmt ist. Wir müssen es beherrschen,so weit uns das erlangbar ist. Dazu aber müssen uns all seineKräfte, muss uns alles , was es über unser eigen Vermögen hinausvermag und bereits geleistet hat, klar bewusst sein, damit wir imBilden weder durch die Gränze des eignen technischen Geschicks