Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
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528
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was vermögen wir durch den Doppelchor, im Gegensatz zum ein-fachen (oder über die Gränzen desselben hinaus) zu erreichen?

Als das Nächste scheint allerdings die Benutzung einer grossemStimmzahl, als im einfachen Chor verwendet zu sein pflegt, er-wähnt werden zu müssen. Hierauf ist aber kein weiteres Gewichtzu legen; denn einmal kann ein einfacher Chor ebensowohl acht-oder neunstimmig gesetzt werden, wie ein Doppelchor (und dieserminderstimmig), dann wissen wir, dass der Gewinn an Stimmzahlkein reiner, sondern durch Verlust an Bewegsamkeit, Karakteristikund Fasslichkeit der einzelnen Stimmen verkümmert ist. Erst dieGebrauchsweise der Stimmen, ihre Vertheilung in zwei Massen be-dingt das Wesen des Doppelchors und gewährt die ihm eignen Vor-theile. Diese sind zunächst folgende.

1. Ablösung einer Masse von Stimmen durch dieandre.

Wenn ganz einfach Masse gegen Masse tritt, eine die andreablösend, gleichsam eine Wechselrede von Chören: so muss dadurchdas Ganze an Beweglichkeit und Mannigfaltigkeit gewinnen. DerAnfang der Paleslrinensischen Improperien (No. 506) veranschaulichtdies am einfachsten Inhalt. Wenn nach dem Schlüsse des erstenChors auf D der andre Chor auf C einsetzt und so beide wechseln,bis sie zuletzt (No. 507) verschmelzen: so muss das nothwendig man-nigfaltiger erscheinen und belebender wirken, als wenn ein einzigerChor die Sätze nach einander vortriige*); auch würde dann wahr-scheinlich (wenigstens in unsrer Zeit, w'äre man auch von derselbenWeise ausgegangen) die Modulation von einem Satz zum anderneine andre geworden sein. Die Mannigfaltigkeit dieses Chorwechselswirkt noch entschiedner, wenn die beiden Chöre nach Stimmzahlverschieden zusammengesetzt sind, wie z. B. das Miserere von Al-legri (dessen Schluss wir in No. 508 gesehn haben), in dem einfünfslimmiger Chor (zwei Diskante, Alt, Tenor, Bass) einem vier-stimmigen (zwei Diskante, Alt, Bass) gegenübertrilt. Aber auchohne dieses Hülfsmittel kann das Ablösen der Chöre dem Ganzenanmuthige Beweglichkeit mittheilen.

Ein genügendes Beispiel giebt die wahrscheinlich von Michael

*) Erschallen nun die Chöre von verschiednen Seiten her, vielleicht unsicht-bar in verdunkelter Kirche (wie in der Charwoche in der Sixlina in Rom, wiees vor Jahren Spohr in der allg. mus. Ztg. so schön beschrieben), setzt derfolgende Chor im leisesten Hauch und allmählich anschwellend ein, während dieletzte Harmonie des ersten Chors noch in den Lüften zu verschweben scheint:so kann die Wirkung allerdings eine bezaubernde, aber doch mehr auf demsinnlichen Element der Darstellung, des Verhallens und Anschwellens schönerStimmen und reiner Harmonien, als auf dem geistigen Inhalt beruhende sein.