Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
455
Einzelbild herunterladen
 

so haben wir im engen Raum eines kleinen Salzes den vollkomm-nen Anblick polyphoner Gestaltung, vier Stimmen, jede in eigen-thiinilicher melodischer Gestaltung, alle zu einem Ganzen vereint.Die tonische Gestaltung ist uns schon seit den Studien des zweitenTheils nichts Neues. Bemerkenswerth ist aber hier, wie nicht blosdas Ganze die Stimmung des Moments, fromme Zuversicht einestielgerührten, nun endlich bis zur Verwunderung klar und gänzlichüberzeugten Gemüths, austönt, sondern auch jede einzelne Stimmedasselbe in ihrer eigenthümlichen Weise spricht und singt, dassüberall dein Wort und der Tonfolge und der Empfindung vollesRecht wird.

Es handelt sich also dies sei nochmals wohl beherzigtliier nicht um die Technik des homophonen und polyphonen Ges.tal-tens, die wir uns längst angeeignet haben müssen. Sondern darum:das Heraustreten aller Gestalten aus dem Wort des Textes undaus dem Gefühl des Moments im Chor zu beobachten und sich aufgleiche Geburten aus dem eignen Innern gefasst zu machen, zu ihnenzu sammeln und anzuschicken.

Auf diesem Punkte hat sich in der Lehr- und Lernübung einekleine vorbereitende Arbeit oft fördernd erwiesen, die hier ihre.Stelle findet. Sie besteht darin , dass irgend ein fruchtbares, nichtaber zu scharf karakteristisches Wort (weil es sonst keine mannig-fache Behandlung zulässt) erst in einfachster, dann immer bedeu-tungsvollerer Weise für den Chor gesetzt wird. Die einfachsteAuffassung wie jeder Fortschritt müssen sich aus der unbefangenanknüpfenden und immer tiefer dringenden Betrachtung des Textesergeben.

Wir wählen zu einem kurz gefassten Beispiel den Text:

Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten.

Dieser Text setzt eine andächtige Bewegung des oder der ihnAussprechenden voraus, giebt aber von ihrer eigentlichen Stimmung, ob sie sich in Freude oder Leid, mit Fassung oder Erregtheit,oder gar Leidenschaft zum Allerhöchsten wende, keine nähereBunde; jenes allgemeinübliche, der blossen Reflexion enlsprungneBeiwort deutet auf eine nicht zu tiefe, über die Sphäre gewöhnlicherAndacht nicht zu leidenschaftlich übergreifende Stimmung.

Das Nächste nun ist, dass das Wort des Textes musikalischausgesprochen werde. Hier