- 451 -
Ganzen, wie für einzelne Momente einer vorzüglich erhebendenDarstellungsweise bedurfte. Im Messias sind die Chöre vierstimmig ;der eine aber, „Hoch thut euch auf“, wird fünfstimmig, nicht blos,weil er besonders feierlich ertönen soll, sondern weil er sich inFrage und Gegenrede doppelchörig zerspaltet, so dass nun zweigegen drei Stimmen treten. Bach ist in den meisten Werken vier-stimmig; in der hohen Messe (//moll), die er mit besondrer Feier-lichkeit und Fülle gesungen, herrscht Fünfstimmigkeit vor undsteigert sich zur Sechs- und Achtstimmigkeit. — Ohne tiefern Grundhat Cherubini d r ei s ti m mi ge M es se n , zartsinnig Pergolesesein jungfräuliches Stabat mater zweistimmig gesetzt; Bach lässtin seiner Kirchenmusik zu Luther’s fester Burg den dritten Vers,„Und wenn die Welt voll Teufel wär’“, gegen das streitlustigeOrchester im Einklang aller Chorstimmen einstimmig singen.
Schon längst ist uns klar geworden, dass mit der Zahl derStimmen die Freiheit ihrer Führung und somit die Wirksamkeit einerjeden nothwendig im umgekehrten Verhältnisse steht, dass folglichbei mehr- und vielstimmigem Salze zwar au Pracht und Vollklanggewonnen wird, nicht aber ohne Verlust an der innern Bedeutsam-keit des Stimmgewebes. Dies muss bei dem beschränktem Tonge-biet der Singstimmen (das man nicht über drei und eine halbe Oktaveausdehnen kann) noch mehr der Fall sein, als in der Instrumental-komposition. Hiermit erklärt und rechtfertigt es sich, dass im Chor-satze die Vierstimmigkeit als Norm gilt. Auch wir wollen uns fürunsre Studien auf sie beschränken, da sich hier weder eine innereNolhwendigkeit ergeben kann, von ihr abzuweichen, noch es fürden, der der Vierstimmigkeit mächtig ist, einer besonder!) Anlei-tung zu mehr- oder minderstimmigem Satze bedarf.
Soll nun aber von der Normalzahl, oder auch von den nor-malen Stimmklassen abgewichen werden, so fragt sich, welche Stim-men zu wählen seien? Hier entscheidet der Inhalt der Kompositiongemäss dem Karakter der Stimmen. Jenachdem das Ernstere oderLeichtere, Kräftige oder Zarte, Feste oder Bewegliche vorherrschensoll, jenachdem wird man zu tiefern und männlichen oder höhernund weiblichen Stimmen ausschliesslich greifen, oder ihnen das Ueber-gew'icht über die andre Seite geben; ein fünf- oder sechsstimmigerSatz mit zwei Sopranen oder Tenoren , — oder mit Verdopplungbeider Stimmen wird heller, jugendlicher, mit Verdopplung von Altund Bass wird ernster und dunkler erklingen. Dies alles ergiebtsich dem Stimmkundigen von selbst; um so auffallender scheint es,dass verhältuissmässig nur selten von solcher karakteristischen Wahlder Stimmen Gebrauch gemacht worden. Die Komponisten des sechs-zehnten Jahrhunderts haben es gethan; aber es kann uns davonunmittelbar wenig zu Gute kommen, da die Kunst jener Zeit
29 *