Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
447
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Einzelnen gedenkbar ist, als Chor aufgefasst wird. Auf diese Ceber-zeugung sind wir schon (S. 439) bei zwei Gedichten geführt wor-den , deren Inhalt wie sinnig und dichterisch wahr er auchbefunden werde doch nur als Ausdruck einer ganz besondern,nur in diesem oder jenem Einzelnen gedenkbaren Stimmung oderPhantasie aufgefasst werden kann. Allein dasselbe gilt auch vonSätzen, deren Inhalt im Wesentlichen wohl ein allgemeiner, mög-licherweise Vielen gemeinsamer, deren Ausdrucksweise (die nähereBestimmung des allgemeinen Inhalts) aber durchaus die eines Ein-zelnen ist. Die Hoffnung auf Gott mitten aus unsern Aengstenheraus ist ein ebensowohl für eine vereinigte Menge als für denEinzelnen denkbares Gefühl. Sie ist der Grundgedanke des Verses(6, Psalm 42):

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft

mit seinem Angesicht.

Allein hier ist der allgemeine Gedanke durchaus zu dem Aus-druck eines Einzelnen geworden. Dieses Insichkehren, in demder eignen Seele, dem geheim verschwiegnen Innern, dem unruhigklopfenden Herzen zugesprocheu wird, dies beschwichtigendeZureden zu stillem Ausharren, dies zartinnige Hinwegeilen desfrommen Gemüths zu dem Labsal des Dankeus, bevor noch derHülfe gedacht worden, diese stillgeistige Bezeichnung, dass Gottmit dem Hinblick, mit dem gnadenvollen Hinwenden seines Ange-sichts allein schon geholfen habe: alles das kann nur im Innerneines Einzelnen, in der Stille eines von der lauten Welt abgezog-nen wir möchten sagen, weiblich zarten und magdlich frommenGemüths, nicht im Gedräng oder kompakten Verein einer lauten,schon in sich festen oder in ihrer Masse viel materieller em-pfindenden und zu ergreifenden Menge erlebt und gedacht werden.

5. Erhebung der Einzelrede zum Chor.

Ja, es können im Gegensatz zu der (S. 446) vorangeschick-ten Frage Texte, die nach ihrer äusserlichen Bestimmung nichtfür eine Menge, sondern nur als Aeusserung eines Individuums sichdarstellen, durch besondre Bedeutung und Gewichtigkeit ihresInhalts in die Sphäre des Chors erhoben werden; die äusserlicheprosaische Wahrheit wird einer höhern poetischen oder idealenWahrheit mit Recht zum Opfer gebracht. So ist z. B. Erzählungund Schilderung nur im Mund eines Einzelnen (oder mehrerer sichablösender Einzelner, aber immer nur Einzelner) denkbar; dennder Zweck ist hier nicht Ausströmung des gemeinsamen Ge-fühls, sondern Mitlheilung irgend eines Wissens, zu der dereinzelne Mittheilende genügt, ja besser als eine nie ganz einig«;