in dem zwar schon gleichnissweisen, aber doch nächsten und ein-fachsten Ausdrucke des Psalm 42, 3:
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Dem Einzelnen kann sich dann auch jenes wunderschöne Gleich-nisswort V. 2 desselben Psalms —
Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meineSeele, Gott, zu dir!
beseelen, er kann sich, fern von Gott, vereinsamt, verirrt, ver-schmachtend fühlen, wie das bange Wild im dunkeln Forst nachder Labung des Quells lechzt. Dass aber eine Menge, ein Chormit dem Ausdrucke des allgemeinen Verlangens auf dieses selbigeGleichniss gelangte, ist schon nicht wohl anzunehmen; und wenndemungeachtet ein Komponist für diesen Text Chorkomposition wählt,so wird ihm der inbrünstige Ausdruck des Gleichnisses versagen, —oder er wird sich dahin gedrängt sehn, für den Chor nicht chor-mässig zu schreiben*).
4. Unmittelbare Bestimmung für den Chor.
Dass ein Text, der sich schon seinem Inhalte nach als Aus-druck einer Vereinigung von Individuen bezeichnet, hierdurch vor-zugsweis die Chorkomposition fodert, — vorausgesetzt, dass er dieanderweiten Bedingungen derselben erfüllt, — ist ohne Weitereseinleuchtend. Allein mit gleichem innerm Recht können auch solcheTexte für Chorkomposilion benutzt werden, die nur zulassen, dassman sie als Ausdruck einer Menge von Individuen auffasse, gleich-viel , ob es unbestimmt geblieben, wem der Dichter sie in denMund hat legen wollen, oder ob sogar feststeht, dass sie eigentlichals Aeusserung eines Einzelnen gelten sollen. Die S. 445 ange-führten Psalmenverse können ebensowohl als Aeusserungen einesEinzelnen, als einer Mehrzahl gelten. Das
Miserere mei, Deus, secundum magnam mtsericordiam tuam(Psalm 51) ist, so viel wir wissen, als Gebet eines Einzelnen,Davids, angenommen; demungeachtet darf der Komponist das Rechtder Umdichtung in solcher Weise üben, dass er dieseii Satzoder Psalm, wie alle obigen Sätze, — da sie es ihrem Inhalt nachzulassen, — in den Mund des Chors lege.
Unberechtigt und unwahrhaft muss dagegen erscheinen , wennein Satz im Widersprueh mit seinem Inhalt, der nur im Mund eines
*) Der obige Psalmvers wie der S. 447 angeführte sind von Mendelssohnfiir Chor gesetzt worden; Aehnliches Hesse sich vou altern und neuern Kompo-nisten anführen. Allein weder die Geltung eines beliebten Namens, noch dasTalent, das bisweilen einer Verirrung vom Wahren und Einzigrechten beschö-nigende Reize leihen mag, noch das sinnliche Wohlbehagen am Vollklang desChorgesangs (oder gar die Berechnung, wie viel Mangel und Wahrh'eilwidrig-keit sich damit zudecken lässt) darf uns gegen die künstlerische Treue inStudium und Selbsttbat gleichgültig oder scblalf und zaghaft werden lassen.