Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
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wohl sind beide Gedichte für Männerchor komponirt worden.Es kann ungeachtet eines solchen Missgriffes dabei wie überall man-ches Anziehende und Talentvolle hervortreten; allein die Wahrheitdes Gedichts, sein eigentlicher Sinn ist schon durch die erste falscheAuffassung verletzt, und dies wird an der Komposition wie amKomponisten nicht ohne nachtheilige Folge bleiben.

Zu den Gedichten, die mehrstimmige Komposition fodern, ge-hören Wechselgesänge (z. B. Goethes ,,Trost in Thränen), ge-sellige und Chorlieder, überhaupt alle, die dem Sinne nach ganz odertheilweis (z. B. mit einem wiederkehrenden Refrain, der den allge-meinen Gedanken ausspricht, wie in GoethesRechenschaft) inden Mund eines Vereins oder einer Masse von Menschen gelegt sind.Hierbei darf aber selbst den vorzüglichem Dichtern nicht ohne Wei-teres geglaubt und gefolgt werden. Sie haben , was man ihnennicht verübeln darf, zunächst ihre eignen Vorstellungen und Ge-danken zu Herzen genommen, haben dabei vielleicht eine flüchtige,unbestimmte Vorstellung vom Zutritt der Musik, vom Chorusmachen(das bei geselligen Liedern so ermunternd wirkt), oder von derFeierlichkeit, Pracht, Gewalt u. s. w. eines Chorgesangs herzuge-tragen, ohne zu schärferer Anschauung und Prüfung Beruf zu fühlen,oft ohne tiefere Einsicht in das Wesen der Musik, oft auch wohldurch das täuschende Vorbild des griechischen Chors verleitet, derja auch (nur zu andrer Musik und in einer Zeit, die nicht mitunserm Musiksinn zuhörte!) gesungen worden. Da ist denn vonihnen Vieles alsgeselliges Lied, oder als ein chormässig zu sin-gendes bezeichnet worden, was sich dem Musiker nicht als solches,vielleicht überhaupt nicht als komponirbar zeigt, und an dem Goe-thes Verheissung

Was wir in Gesellschaft singen,

Wird von Herz zu Herzen dringen

durch Komposition überhaupt, oder durch die vom Dichter selbst an-gerathne Chor- oder Ensembleform verhindert wird, in Erfüllungzu gehn. Goethe selbst, so Unschätzbares er auch dem Kompo-nisten oft dargeboten, hat unter seinen geselligen Liedern gar man-ches, das sich nicht zum Chorgesang eignet, obwohl es durch jeneBezeichnung und die angeführten verheissenden Verse dazu bestimmtscheint; so z. ß. das Sliftungslied,

Was gehst du, schöne Nachbarin,die glücklichen Gatten, offne Tafel und Mehreres.

Allein so rathsam es ist, auch bei der Form des mehrstimmi-gen oder Chorliedes wenigstens darauf Bedacht zu nehmen, dassman nicht das geradezu Ungeeignete wähle, oder mit dem Sinn desGedichts durch die Form der Komposition in Widerspruch gerathe: