Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
438
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der Liedkomposition vom hohem künstlerischen Standpunkt an-gesehn bei aller in ihr erschliessbaren Innigkeit u. s. w. oft, jameist eine gewisse Oberflächlichkeit eigen ist, die ihren Grund inder Abstraktion von dem Besondern des dichterischen Inhalts hat,so dass in dieser Hinsicht eben die inhaltreichern Gedichte, z. B.viele Goethesche, bei der Komposition ein Edleres (den Gedan-ken- und Vorstellungs-Inhalt) zu verlieren scheinen gegen den Ge-winn der hervorgehobnen allgemeinen Stimmung, die bei nichtdurchkomponirten Liedern doch meist nur für den ersten Vers ge-nügend erfasst wird. Ja, es kann diese Superüzialität der Liedkom-position bei solchen Komponisten, die sich dieser Gattung ausschliess-lich oder mit zu weitgehender Hingebung widmen, leicht zu einergewissen Verflachung oder Karaklerlosigkeit führen; öfters schonhat sich das an den grossem Werken glücklicher Liederkomponislengezeigt, während umgekehrt Künstler, die auf das Tiefere und Ka-rakteristische sich hiuwendelen, leicht über die Gränze des Liedeshinausgeführt wurden und bei diesen kleinen, scheinbar leichternAufgaben oft weniger glücklich waren. Wir scheuen uns nicht,hier Beethoven als Beispiel anzuführen, der so leicht geneigtwar, über die eigentliche (einfache) Liedsphäre inAdelaide,inHerz mein Herz, imLiederkreis (hier wenigstens mit derBegleitung) u. s. w. hinauszugehn und im einfachen Lied min-der begabte Künstler (z. B. Reichardt in manchem GoetheschenLiede) keineswegs übertroffen hat.

So viel, um der Uebersehälzung des Lieds, die sich aus einemauferweckten und ausgebreiteteu Dilettantismus her von Zeit zu Zeitherausstellt und von einer falschen oder übertriebenen Einmischungdes Prinzips der Einfachheit, Natürlichkeit, Volkstümlichkeit unter-stützt wird, wenigstens eine flüchtige Erinnerung entgegen zu stellen.

Dagegen über den hohen Reiz, über die Bedeutung und den mäch-tigen Einfluss des Lieds auf Sänger und Hörer zu reden, scheintdurchaus überflüssig; wer hätte das alles nicht schon empfunden?Für die Bildung des Gesangkomponisten aber ist das Lied die a ndreGrundlage, wie das Rezitativ die erste. Im Rezitativ wird erdes Worts, des Inhalts in seinen einzelnen Momenten Herr; imLiede wird er der Grundstimmung, eines treffenden und zusammen-gefassten Ausdrucks derselben, wie sie das Gedicht giebt, mächtig.Die Stimmung aber, das ist das Erste und Letzte, was die Musikvermag, und in diesem Sinn ist allerdings wahr, was wir selbstzum Anbeginn der Lehre und bei den vom Lied entferntesten For-men erfahren: dass alles musikalische Gestalten immer wieder zumLied, zum abgescblossnen Ausdruck einer Stimmung hinführt. Nurnicht einer gefesselten, sondern einer lebendig fortschreitenden. Unddiese führt uns eben über das Lied hinaus , sobald der Inhalt des