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Oft aber zeigen die verschiednen Verse ganz abweichende Stimmun-gen, oder es zeigt der folgende Vers eine so gesteigerte, wenn auchgleichartige, dass die ganze Komposition, so gewiss sie für den er-sten Vers geeignet war, — für den zweiten unpassend oder unge-nügend erscheinen muss. — Ja, man muss endlich erwägen, wiepsychologisch undenkbar es überhaupt ist, dass eine Seelenstimmungunverändert, gleichsam erstarrt stehen bleibe. Die Stimmung, dieder erste Vers in uns gefunden oder angeregt, muss vielmehr noth-wendig durch den neuen Inhalt des zweiten in irgend einer Weiseverändert, wenigstens gesteigert oder gemildert werden. Sogar dieWiederholung desselben Inhalts würde eine von diesen beiden Fol-gen haben; sie würde tiefer eindringen und aufregen, wenn derGegenstand noch frische Sympathie in uns fände, oder im andernFall ermatten.
Hiermit bietet sich nun wieder eine Reihe von Möglichkeitenfür den Komponisten, über die er in jedem einzelnen Falle zu ent-scheiden hat.
Erstens kann er, wie im vorigen Abschnitt angenommenwurde, eine einzige Komposition für alle Verse seines Gedichts zu-reichend linden, wenn dies im Wesentlichen eine einzige Stimmungfesthält und allenfalls die Vortragsmittel des Säugers zu den nöthi-gen Steigerungen und Nuancirungen genügen.
Zweitens kann er einzelnen geringen Abweichungen des Ge-dichts in Form oder Inhalt durch ähnliche unwesentliche Aenderungder Komposition zu entsprechen suchen. So haben wir in No. 424gesehn.
Drittens kann (wie wir aus der Begleitungslehre, Th. I,S. 393, wissen) schon durch verschiedenartige Begleitung derselbenMelodie der Ausdruck des Ganzen mannigfach gesteigert, gemildert,verändert werden. Das Höchste hat hierin Beethoven in seinemhöchst unverdienter Weise fast übersehnen Liederkreis ,,an dieEntfernte“ geleistet.
Viertens endlich kann für verschiedne Verse eine ganz ab-weichende Komposition gegeben werden. Hiermit entsteht dann eineKette von Liedsätzen für den Gesang, wie wir sie für die Tanzfor-men, Th. II, S. 92, kennen gelernt haben. Erst diese Form heisstdas durch komponirte Lied,wiewohl man auch die vorige so nennen darf, wenn die Verwandlungund Durchführung der Begleitung von wesentlichem Gehalt ist.
In dem durchkomponirten Lied nun folgen für einen oder meh-rere Verse neue Weisen auf die des ersten Verses; es kann selbstAnlass sein, eine oder die andre Stelle rezitativisch zu behandeln,also vom Lied zum Rezitativ zurückzugehn, wid wir S. 418 gesehnhaben, dass das Rezitativ sich der Liedform nähert. Findet sich