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B. Dü Form des Liedtextes.
Von der musikalischen Liedform wissen wir schon : sie ist einSalz; — oder, wenn dieser sich zu eng begränzt erweist, Periode,Lied in zwei oder mehr Theilen. Hierzu muss nun, wie sich vonselbst versteht, der Text Anlass und Spielraum geben; so fin-det sich denn auch hier, dass ein dem Inhalt nach liedmässiger Textder Form nach mehr oder wenig günstig sein kann.
Da die Liedform eine bestimmte, fest abgerundete ist, so erschei-nen rhvthmisirte, versifizirte Texte (Gedichte), insofern sie schoneine bestimmte Form mitbringen, im Allgemeinen günstiger, alsTexte in ungebuiidner Rede. Es versteht sich von selber, dass auchsolche liedförmig gefasst werden können und oft gefasst worden sind.Doch widerstreben sie nicht selten da oder dort der liedmässigenForm, oder führen schon durch die verlockende Freiheit des Wortsdarüber hinaus; ungefesselt durch die Verslbrm wird der Komponist,je tiefer er von seinem Gegenstand erfüllt ist, um so mächtiger hin-eingezogen in den vollen Ausdruck der wichtigsten oder aller Mo-mente, —- und muss so die enge Liedform überschreiten. Irgendeinige Sätze aus der Bergpredigt, z. ß.
Selig sind die Sanftmüthigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; dennsie sollen satt werden.
könnten in Liedform gefasst werden; aber ihr tiefer Inhalt undnoch mehr der Gedanke an das Gennitb des Verkünders würde, —fessellos wie er dasteht, — weit über die Liedform hinausführen.Besonders dem Anfänger ist daher — im Gegensätze zu dem S. 393für das Rezitativ Empfohlnen — dringend anzurathen, für die Lied-komposition Gedichte zu wählen.
Bei dem Gedichte nun bestimmt wieder die Form des Versesden musikalischen Bau. Zunächst kommt hier wieder die Ausdeh-nung in Betracht. Ungünstig für Komposition müssen im Allge-meinen die zu weiten und die zu eng begrenzten Verse genannt wer-den, weil sie die Liedform zu überladen oder zu beschränken dröhn.Die S. 372 mitgetheilte Aeschyleische Strophe, — oder jene gött-lichen Verse der sich pantheistisch in die Allnatur wieder auflösen-den Gestalten aus dem Gefolge der Helena (aus Goethe’s Faust) —
Wir in dieser tausend Aeste Fliisterzittern, Säuselscbweben,
Reizen tändelnd, locken leise, wurzelauf des Lebens QuellenNach den Zweigen; u. s. w.
würden auch abgesehn von der Ungeeignetheit des Inhalts nur schwerund ungünstig in Liedform eingehn. Doch kann diese Schwierig-keit durch die Kraft des Komponisten noch leichter bewältigt wer-den , als die entgegengesetzte zu enger Begränzung. Einige der