Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
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Schiebung und Verdunkelung des besondern Inhalts, aller dieser tiefgefassten und tief ergreifenden Anschauungen, Erinnerungen, Gedan-ken, deren reicher Strom dem Hörer allzuviel Theilnahme und Mit-thätigkeit abfodert, als dass nicht das Untertauchen in die allge-meinstimmende Weise eine Beeinträchtigung des Gedichts undwiederum das Herleihen der Musik zu so untergeordnetem undmissgeniigendem Dienst ein Unrecht an dieser Kunst genannt wer-den müsste, die in ihrer rechten Sphäre ganz Andres vermag.

Jenes Goethesche Gedicht nun stellt sich als eine unzweideu-tige Aufgabe dar; der Dichter selbst hat es durch die musikalischeForm bekräftigt. In andern Fällen kann es zweifelhafter sein, obein Gedicht überhaupt Musik fodere und ob nicht das Einzelne eineben so grosses Recht auf den musikalischen Ausdruck habe, als dieallgemeine Stimmung, oder gar ein überwiegendes. So spricht sichz. B. in einem andern Goethcschen Gedichte, dem andern koph-tischen, das der Dichter unter diegeselligen Liederstellt, ein männlich-rüstiger, seiner selbst behaglich sicherer Sinnaus. Allein der Inhalt selbst, in allen einzelnen Momenten,

Geh ! gehorche meinen Winken,

Nu tue deine jungen Tage,

Lerne zeitig klüger sein ;

Auf des Glückes grosser WageSteht die Zunge selten ein ; u. s. vv.

fällt nicht in das musikalische, sondern in das Gebiet der Reflexion,die sich der Form nach als Lehre des welterfahrnen Mannes für denJüngling ausspricht. Wiederum in jenem unsterblichen Gedicht, dasein Grundstein genannt werden mag für die Philosophie der Kunstund den Glauben des Künstlers (im westösllichen Divan),

drangvollen Ahnung: dass ein Fortschritt, dass Neues kommen müsse, Folgegegeben. Und da geschieht es wohl, dass man Verirrung für Vorwärtsschriltund Hervorholen des einstmals Lebendig- uüd Herrlich-Gewesnen, für uns aberdurchaus Uniebensfähigen für das verheissne Neue hält, während das wahrhafteNeue, der Lebensfunke eines hellem und herrlichem Morgen, entweder wirk-lich noch nicht entzündet ist, oder übersehen und misskannt l'ortglimmt, bis dieAugenwacker geworden sind, zu schauen. Denn das neu aufgeschmückleAlte ist leichter zu erkennen als das von innen heraus Neue.

Eine unschuldigere, aber ganz unfruchtbare Auffassung antiker Gedichte seiebenfalls erwähnt: die rezitalivische, die in unsrer Zeit versucht, aber nichtder Oeffentlichkeit übergeben worden , oder auch die blosse Uebertragung desVersmaasses in melodische Form, die im secliszehnten Jahrhundert (und früher)unternommen worden. Es haben dergleichen Versuche wohl anfangs, besondershei Gelehrten und Enthusiasten für das Alterthum, Aufsehn erregen, nie aberfortleben können. Am erfolgreichsten waren die florentinischen Versuche (desViuzentio Galilei u. A.), die klassische Tragödie wieder herzustellen. Siekonnten natürlich ihr eigentliches Ziel nicht erreichen, führten aber zum Ent-stehn der Oper.