Man vergleiche diesen Text mit einem rezitativischen, z. B.mit dem ßach’schen aus No. 409 und 417, so werden Rezitativund Lied sich gegenseitig erläutern. Auch im Rezitativ kann eineallgemeine und einheilvolle Stimmung walten; in jenem Bach’schenz. ß. der ernstliche zuversichtvolle Eifer des Ermahnenden. Alleines würde wenig gethan sein, wenn man in der Komposition nurdiesen Grundton des Ganzen traf’; es ist wichtig, die einzelnen Mo-mente des Textes mit Energie zur Sprache zu bringen. Das istdie eigentliche Aufgabe des Komponisten, die Stimmung des Ganzentritt aus der richtigen Auffassung des Einzelnen von selbst hervor.In jenem Liede dagegen kann der Musik gar nichts darauf aukom-men, die Einzelheiten hervorzuheben, die nur Mittel zum Zwecksind; ja, sie ist ganz unfähig sich hierauf einzulassen; das Heer derSterne, der weiche Pfühl sind Gegenstände für das Vorstellungs-,nicht für das Gefühlsvermögen. Hier tritt als Hauptsache und alsdas der Musik allein Erreichbare die Stimmung des Sängers, dieSeele des Gedichts hervor.
Blicken wir hier noch einmal auf Men d elssoh n’s (und derandern S. 380 Genannten) Kompositionen klassischer Gediehte zu-rück, so finden sich dieselben hauptsächlich in Liedform gesetzt; eshat also die allgemeine Stimmung des Gedichts anklingen sollen.In der That war dies noch die einzige künstlerisch mögliche —einen künstlerischen Eindruck zulassende Weise der Auffassung, dajene Gedichte (namentlich die Chore der Tragödie) in den einzelnenMomenten keine oder höchst seltene Anregung für Musik bieten.Daher kann die Formwahl, wenn einmal komponirt werden musste,nicht zum Vorwurf — und im Auge des sachkundig Nachdenkendenebensowenig zu besonderin Verdienst gereichen; sie war eine un-vermeidliche*). Allein eben so unvermeidlich war nun die Beiseil-
*) Wie die Griechen selber ihre Chöre aufgeführt, gehört nicht hier-her (Einiges hat der Verf. darüber in seinen Artikeln über griechische Musikim Universalle.xikon der Tonkunst gesagt, mehr wird an einem andern Orte fol-gen), wo es lilos darauf ankommt, zu erörtern, welches Verhiiltniss unsreh eutige Musik zur Dichtkunst, zu den sich ihr darbietenden Texten habenkann. Hierzu gaben klassische Gediehtsiitze schlagende Belage und Lehren; zu-gleich schien es, wie gesagt, uothweudig, einer Verirrutig so manches talent-vollen Kunstgenüssen warnend entgegen zu treten, die darin besteht, die Kom-position unkomponirbarer Gedichte (verfuhrt von ihrem absoluten dichterischenWerth und vielleicht ihrer Neuheit für Musik) zu unternehmen und damit beideKünste und sein eignes Talent in ungünstige Lage zu bringen. — Die Gunstund der Ruhm, die namentlich der M e n d e J ss o h u'schen Antigone gespendetworden , kann (wie überhaupt der Erfolg) ein auf das Wesen der Sache sichgründendes Urtheil nicht erschüttern, sondern nur die Pflicht eindringlicherPrüfung unerlässlicher zeigen. Es ist in dieser und andern Richtungen von allenSeiten — von Schaffenden und Aufnehmenden — dem Gefühl unsrer Zeit, der