mehr baare Uebertreibung und Unnatur ist? Dieser doppelte Zwei-fel beseitigt sich, sobald man nur beherzigt, wie unendlich weitder Inhalt und Eifer des Bach’schen Rezitativs über dem inden meisten rezitativischen Aufgaben und in der überwiegendenMasse alles dessen, was im gewöhnlichen Leben zur Sprache kommt,erhaben und überlegen ist. Die felsenstarke Ucberzeugung desgläubigeu — und der Feuereifer des pflichlgetreuen Seelsorgers,dem jedes Wort, das er ja nicht aus sich, sondern aus dem gehei-ligten Schatz des Evangeliums und der auf ihm festgegründetenKirche spendet, dem also jedes Wort eine That, ein Schlag ist imKampfe gegen das Böse, oder ein Siegesruf zur Weckung und Auf-richtung der Schwachen und Verzagenden: das lebte in Bach sostark und glühend und freudig, wie je in Luther oder eiuem andernder vorangesehrittnen Glaubenshelden. Von jedem Worte ganz er-füllt, legt er die ganze Macht seines Gemüths in jedes Wort, undso spricht es uns allerdings unendlich Tieferes und Reicheres aus,als die Werkeltagstunde der gewöhnlichen lauen Stimmungen, diesonst wohl unsern Reden und Rezitaliven schlägt. Hier ist nichtsblosses Wort oder Gleichniss, alles ist baarer wörtlicher Ernst.So ungestüm mit vorbewegteu Armen und Händen und weit olfnen,den ganzen Menschen in sich aufnehmenden Augen dringt der Pre-diger mit seinem Anruf zu Anfang auf das Beichtkind ein, wie jeneersten Noten, die wir oben erwogen. So beweglich ist ihm selberbei der Erwähnung Jesu, als seine Stimm- und Bassmelodie (Takt 3)es zeigt. So muthig und stark ist ihm bei dem verheissnen Siege,und so ereifert er sich mit geflügelten, übereilt stürzenden Wor-ten bei der Erwähnung des Feindes 5 ihm und seiner Zeit ist „Sa-tans Heer“ kein blosses Gleichnissworl, er lässt das, was dasGleichniss (wenn es ihm eins wäre) uns bedeuten könnte, das„Welt und Sünde“ gewichtvoll nachfolgen und gönnt sich hierkeinen Ruhepunkl, so sorglich genau (aber auch bedeutungsvoll) sonst,z. B. Takt 1 und 9, für die Athemmomenle gesorgt ist. Und ebenso gewiss hoben sich ihm, wie er „dein Herz den Himmel Gottesauf Erden“ nannte, Seele, Blick und Haupt und beide Arme mitoffnen Händen wie zum Anschaun und Empfangen empor. —• Hatman zuerst das Rezitativ so geprüft, dass man sich den Text vor-gelesen und danach die Komposition beurtheilt: so kehre man nundie Probe um. Man versuche — ohne absichtliche Uebertreibungoder Steifigkeit, aber mit Muth und Hingebung die Worte nachder Andeutung der Noten zu lesen, — ohne Scheu vor dendurch sie gebotenen weiten Aufschwüngen u. s. w. : und man wirdüberrascht auf eine eifervolle und durchaus dem Inhalt und derStimmung des Moments getreue Redeweise geführt sein, die mau— allerdings nicht für seine alltägliche, wohl aber für eine dem
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