Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
407
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Zweitens. In einem solchen Werke des begeistertendenn dies Schauen, in dem ein neuer Geist gleichsam*) in uns tritt,ist Begeisterung und durchgebildeten Künstlers erfüllen sichdann alle jene Bedingungen, die jedes Kunstwerk und namentlichdie besondre Aufgabe eben dieses Werkes als inbegriffen in seineAufgabe anerkennen muss, wie von selbst, und jede so vollbefrie-digend, als war es nur um sie zu thun gewesen.

So zeigt der erste Anblick des Bachschen Rezitativseine Entfaltung und Darlegung der Stimme, die nichts zuwünschen lässt. Dem bedeutenden Inhalt und der hohen Stimmungdes Textes gemäss entfaltet auch die Stimme des Redenden ihrganzes Vermögen. Sie wird von der Tiefe ( A ) bis zur äusserstenHöhe (eingestrichen c) in Bewegung gesetzt; dies geschieht durch-aus in schwungvoller Weise, in mannigfach wechselnden besondersmächtigen Schritten, auf das Günstigste für den Basskarakler; zuden äussersten Punkten, namentlich zu dem hohen e, wird die Stimmeslufenweis vorbereitend und mit liefern zur Erholung dienendenZwisohenlönen emporgeleitet; selbst die weitesten Schritte, z. B.gleich der Anfang ais-g-e-cis , sind durchaus sangbar, ja leichtund sicher zu treffen, da sie innerhalb eines einzigen und fasslichenAkkordes liegen. Das alles ganz abgesehn von seiner tiefemBedeutung lässt nichts zu wünschen übrig.

Lassen wir noch immer den nähern Inhalt bei Seite und blei-ben nur dabei stehn , dass die Stimmung eine hoch und ernst be-wegte ist: so müssen wir anerkennen, dass die allgemein-mu-sikalische Gestaltung (das Abstrakt-Musikalische) jener Stim-mung auf das Eigenste entspricht. Die Modulation von H mollnach Ms moll, /Imoll, ^fmoll, üdur, jEmoll, //moll, CYsdur, Fisist reich und nicht abschweifend, aber energisch geführt. Die Ak-korde sind fest an einander geschlossen, doch aber gelegentlich auchmit starker Eigenwilligkeit gewendet; man beachte (mit Rückblickauf S. 389) die ausbiegende Auflösung in Takt 2 und 10 zu 11;dabei sind sie von der Singstimme reich ausgelegt. Die Kantileneder letztem aber ist mannigfaltig und vorherrschend in grossenRichtungen bewegt; schon vor dem Arioso, das den Schluss desGanzen macht, nähert sie sich im dritten Takt (und einen Augen-blick lang auch im drittletzten) dem festem Gesang des Arioso.Die Stimmung des Ganzen war so entschieden und andringend, dassnur der Gedankenreichthum des Textes, das Gewicht, das jedesWort für den Redner hat und in seinem Munde für uns haben soll,festere Gestaltung statt der Rezitativform**) ausschliessen.

*) Vergl.Die alle Musiklehre im Streit mit unsrer Zeit S. 51.

**) Iu der That hat Bach einen ähnlichen Text (in der bei Simrock in Bonn